ZEITSCHRIFT

für

PHYSIOLOGISCHE CHEMIE

unter Mitwirkung von

Dr. E. BAUMANN in Berlin, Prof. GÄHTGENS in Rostock, Prof. v. GORUP-BESANEZ in Erlangen, Prof. HÜFNER in Tübingen, Prof. HUPPERT in Prag, Prof. R. MALY in Graz und Prof. E. SALKOWSKI in Berlin

herausgegeben von

F. HOPPE-SEYLER,

Professor der physiologischen Chemie an der Universität Strassburg.
 

ERSTER BAND.
 

STRASSBURG.
VERLAG VON KARL J. TRÜBNER
1877-78.


[Seiten I-III]
 

Vorwort.

Der Aufschwung, welchen die organische Chemie in den letzten vier Jahrzehnten genommen hat, befähigt sie nicht allein die biologischen Probleme, wie es schon früher versucht war, in analytischer Richtung zu verfolgen, sondern auch experimentirend am lebenden Organismus die chemischen Lebensvorgänge eingehender Forschung zu unterwerfen. Die synthetischen Resultate, sowie die durch sie gewonnenen Einblicke in den Bau der chemischen Körper und seine Umgestaltungen durch chemische Processe, deren sich die jüngste Epocherühmen darf, habend ie Mittel und Wege gegeben, die Ursachen der Lebenserscheinungen in der Structur und Verwandtschaft der in den Organismen thätigen Stoffe mit einer früher nicht geahnten Sicherheit zu erforschen.

Die Biochemie ist hierdurch aus ihren ersten natürlichen und nothwendigen analytischen Anfängen zu einer Wissenschaft erwachsen, welche nicht allein der Biophysik sich ebenbürtig an die Seite gestellt hat, sondern an Thätigkeit und Erfolgen ihr den Rangstreitig macht; ein Blick in die Jahresberichte über die Leistungen dieser Wissenschaften genügt, um dies ausser Zweifel zu stellen. Obwohl nun kaum jemand die hohe Bedeutung der physiologischen Chemie leugnen wird, ist sie doch offenbar noch zu wenig zum Bewußtsein derer gekommen, welche von dieser  wissenschaftlichen Thätigkeit und ihren Fortschritten am nächsten [II] berührt und in ihren eigenen Bestrebungen gefördert werden. Noch jetzt wird an den meisten deutschen Universitäten die physiologische Chemie als besondere Wissenschaft praktisch unzureichend oder gar nicht gelehrt und Vorträge über sie nur selten gehalten.

Die hauptsächliche Ursache dieser beklagenswerthen Lage scheint in der noch immer festgehaltenen Vereinigung der physiologischen Wissenschaften zuliegen. Von jedem Vertreter einer Wissenschaft an einer Universität verlangt man wohl mit Recht, dass er im Bereiche seiner Wissenschaft nicht allein die Kenntnisse besitze, schulmässig den Studirenden Unterricht zu ertheilen, sondern auch die Mittelund Wege kennet um eigene zuverlässige Untersuchungen auszuführen. Welcher Physiologe mochte nun wohl sich rühmen können, so vollkommen Kenner der Anatomie,  Physik und Chemie zusein, um nach allen den zum grossen Theil von Grund aus verschiedenen Methoden dieser Naturwissenschaften auf dem Gebiete der Physiologie mit Erfolg vordringen zu können! Die Wissenschaften sind darin doch gewiss von Kunst und Handwerk nicht verschieden, dass nur derjenige in ihnen etwas Bedeutendes zu leisten vermag, der den zu bearbeitenden Stoff und sein Handwerkzeug genau kennt und anzuwenden weiss. Bei der Ausbildung, welche die Naturwissenschaften in unserer Zeit erreicht haben, wird es nur höchst selten einem ganz besonders begabten Manne gelingen, in den anatomischen, physikalischen und chemischen Methoden der Forschung und den entsprechend verschiedenen Anschauungen zugleich genügend bewandert zu sein, um ergiebige und zuverlässige Untersuchungen nach jeder Richtung auszuführen. Eine Trennung ist hier nothwendig und zwar eine Trennung entsprechend den Naturwissenschaften, deren Methoden zur Forderung der Kenntniss der Organismen und ihres Lebens Verwendung finden.

In nahem und leichterkennbarem Zusammenhange mit dem geschildertenungenügenden Zustande steht der Mangel an physiologisch-chemischen Zeitschriften, ein Mangel, der von den physiologischen Chemikern seit längerer Zeit herbempfunden [III] wird. Aus den verschiedenen Zeitschriften der Chemie, Physiologie, praktischen Medicin, Hygiene und Landwirthschaft müssen die Arbeiten mühsam zusammengesucht werden, die der physiologische Chemiker kennen muss, um auf seinem Gebiete weiter zuarbeiten, und ist eine Arbeit zur Publication fertig ausgeführt, so tritt an den Autor die oft schwer zu entscheidende Frage, wohin er sie senden soll, damit sie zunächst den Fachgenossen allgemein bekannt wird und nicht einen Platz erhält zwischen mikroskopischen, physikalischen oder gar speculativen Abhandlungen.

In Uebereinstimmung mit den auf dem Titel dieses Heftes genannten Männern, deren Namen volle Gewähr geben für strengwissenschaftliche Richtung, habe ich die Herausgabe dieser Zeitschrift für physiologische Chemie unternommen und hoffe, dass dieselbe ihre Aufgabe, eine bessere Vereinigung der auf diesem Gebiete neuausgeführten Forschungen herbeizuführen und hierdurch der Wissenschaft selbst förderlich sich zu erweisen, erfüllen werde. In dieser Hoffnung bestärkt mich die Zustimmung, die mir von vielen Seiten her sehr entschieden ausgesprochen ist.

Strassburg, Juni 1877.

F. HOPPE-SEYLER.