Sitzungsberichte der Phys.-med. Soc. Erlangen, Heft 6, S. 126-128
auch in: Berichte der Dt. chem. Ges. 7 (1874), 569-570
auch in: Neues Repertorium der Pharmacie, 23 (1874), S. 306-309

 

[Sitzung der Societaet vom 11. Mai 1874.]

Herr Prof. v. Gorup-Besanez

macht eine

weitere Mittheilung über das Auftreten von Leucin neben Asparagin während des Keimprocesses der Wicken.

Meine erste Mittheilung über das Auftreten von Leucin neben Asparagin im Safte der Wickenkeime kann ich nun dahin vervollständigen, dass dasselbe ein constantes ist. Herr stud. rer. nat. Hermann Will übernahm die weitere Verfolgung des Gegenstandes unter meiner Leitung. Wir haben bisher in vier Culturen, bei welchen die Keimung auf feuchtem Sande und bei nur spärlichem Lichtzutritte (mit Ausschluss allen directen Sonnenlichtes) vor sich ging, nach zweiwöchentlicher (Keimlänge 12 - 15 Cm.), nach dreiwöchentlicher (Keimlänge 20 - 25 Cm.), nach vierwöchentlicher Keimdauer (Keimlänge etwa 25 Cm.), und nach so lange fort gesetztem Keimen, bis die Reservestoffe der Samen völlig entleert waren, neben Asparagin constant Leucin im ganz frischen Safte aufgefunden, und zwar in dem letzterwähnten Falle in relativ grösster Menge.

Bei unseren ersten Versuchen verfuhren wir in der Weise, dass wir den durch Auspressen der zerquetschten Wickenkeime unter Zusatz von etwas Wasser gewonnenen Saft zur Entfernung der Eiweisskörper rasch aufkochten, und das Filtrat von dem Eiweisscoagulum dialysirten. Die Dialysate schieden concentrirt zunächst Asparagin und die Mutterlange dann Leucin aus. Bei den späteren Versuchen verliessen wir aber diesen Weg, einmal weil die Dialyse so viel Zeit beanspruchte, dass dem Einwande <127> es handle sich hier um einen beginnenden Fäulniss- oder ähnlichen Zersetzungsprocess Raum gelassen wurde, aber dann auch um deswillen, weil dadurch der Zweck, die Trennung der krystallisirbaren vor den unkrystallisirbaren Bestandtheilen des Saftes nur sehr unvollständig erreicht wurde. Nach 48 stündiger Dauer der Dialyse fand sich in der auf dem Dialysator zurückgebliebenen Flüssigkeit noch ziemlich viel Asparagin und Leucin. Bei den späteren Versuchen wurde daher dieser Weg verlassen und der nachstehende eingeschlagen: die in einer Reibschale rasch zerquetschten Wickenkeime wurden unter Zusatz von etwas Wasser tüchtig ausgepresst, der so erhaltene Saft sofort aufgekocht, wodurch sämmtliche Eiweisskörper vollständig entfernt wurden, - denn das Filtrat vom Eiweisscoagulum verhielt sich mit den empfindlichsten Reagentien auf Proteïnstoffe geprüft, völlig negativ, - und dasselbe sofort mit einem grossen Ueberschuss von Alcohol von 90° gefällt. Der durch Alcohol entstandene Niederschlag enthielt die grösste Menge des Asparagins und nicht näher untersuchte, durch Bleiessig fällbare stickstofffreie organische Substanzen; das Filtrat vom Alcoholniederschlage concentrirt, schied zuerst noch etwas Asparagin, sodann aber Leucin aus. Die Mutterlauge von Leucin enthielt Zucker, oder wenigstens eine alkalische Kupferlösungen beim Erwärmen reducirende Substanz. Dem Einwande, dass das Leucin erst während der Operationen durch Zusetzung von Eiweisskörpern entstehe, dürfte durch den beschriebenen Untersuchungsgang wirksam begegnet sein.

Bei einer Untersuchung der reifen Wickensamen fand ich darin unter den in die wässerige Lösung übergehenden Bestandtheilen Legumin (dieses fehlt, wie schon von anderer Seite beobachtet wurde, in den Wickenkeimen), Albumin, Zucker, und eine sehr geringe Menge eines krystallisirbaren Körpers, der nach den mikroscopischen Krystallisationen zu schliessen, möglicher Weise Asparagin war (auch Ritthausen fand in den Wickenkeimen eine dem Asparagin ähnliche Substanz), Leucin aber konnte nicht aufgefunden werden. Letzteres entsteht demnach erst während des Keimprocesses aus den Reservestoffen des Samens.

Auf meine Aufforderung hat Herr Kellermann aus Althaeawurzel und aus der Wurzel von Scorzonera hisp. Asparagin dargestellt und dabei geprüft, ob sich auch hier neben Asparagin Leucin vorfinde; jedoch ein negatives Resultat erhalten. <128>

Bei dieser Gelegenheit will ich bemerken, dass sich in der Scorzonerawurzel unter Umständen sehr viel, unter Umständen aber gar kein Asparagin vorfinden kann. Das Auftreten des Asparagins scheint hier an Vegetationsstillstand d. h. an den Ruhezustand der Pflanze geknüpft zu sein.

Im 3. Hefte der Berichte d. deutsch-chem. Gesellsch. 1874 finde ich eine Untersuchung des Herrn Schützenberger erwähnt, nach welcher Hefe beim Verweilen unter Wasser bei + 35° ohne geringsten Fäulnissvorgang neben anderen Körpern Leucin liefern solle. Dass beim Faulen der Hefe reichliche Mengen von Leucin gebildet werden, ist von Dragendorff längst nachgewiesen.