Sitzungsberichte der Phys.-med. Soc. Erlangen, Heft 6, S. 99-102
auch in: Berichte der Dt. chem. Ges. 7 (1874), 146-147
auch in: Neues Repertorium der Pharmacie, 23 (1874), S. 141-143

 

[Sitzung der Societaet vom 2. Februar 1874.]

Herr Professor v. Gorup-Besanez

spricht über das Auftreten von

Leucin neben Asparagin in dem frischen Safte der Wickenkeime.

Mehr und mehr kömmt unter Chemikern und Physiologen die Ansicht zur Geltung, dass Leucin und Tyrosin, längst gekannte Spaltungsproducte der Eiweisskörper, zu diesen in viel näherer Beziehung stehen, als man früher voraussetzte. Ihr nicht <100> seltenes Vorkommen im lebenden Thierorganismus, ihr Auftreten im Harn bei gewissen Krankheiten, ihre innerhalb weniger Stunden erfolgende Bildung bei der Peptonisirung der Eiweissstoffe durch Bauchspeichel, und andere Gründe mehr sprechen dafür dass sie, ganz besonders aber Leucin, zu den nächsten Derivaten der Eiweissstoffe gehören. Seitdem aber unter den Zersetzungsproducten der letzteren auch Asparaginsäure aufgefunden ist und das Asparagin selbst auf Grund seines massenhaften Auftretens während der Keimperiode der Papilionaceen, sowie seines Verschwindens in späteren Entwickelungsphasen der Pflanzen als »Translationsform« der Proteïnstoffe betrachtet wird (Pfeffer, J. Sachs), ist auch dieses Amid für die brennende Frage der Constitution der Eiweisskörper bedeutungsvoll geworden.

Bei dieser Sachlage dürfte die von mir jüngst gemachte Beobachtung, dass sich in dem ganz frischen, durch rasches Aufkochen, theilweise auch durch Dialyse von Eiweissstoffen völlig befreiten Safte der auf feuchter Gartenerde und im Dunkeln gekeimten Wicken neben Asparagin eine erhebliche Menge von Leucin vorfinden kann, nicht ohne chemisches und physiologisches Interesse sein. Die von dem ausgeschiedenen Asparagin getrennte Mutterlauge, etwas weiter concentrirt, schied nach kurzer Zeit einen körnigen Körper ab, der auf der Oberfläche der Flüssigkeit Krusten bildete und dessen mikroscopische Formen: scharf contourirte Kugeln, vollkommen mit den für Leucin so ausserordentlich characteristischen übereinstimmten. Dieser Körper, auf Gypsplatten getrocknet, löste sich in kochendem Weingeist von 75 % ziemlich leicht, und schied sich beim Erkalten der Lösung in ähnlicher Form wieder ab. Unter dem Mikroscop erschienen nun aber die Kugeln radial gestreift, und auch wohl an den Contouren mit spiessigen Nadeln besetzt. Genau so verhält sich aber das Leucin. Durch wiederholtes Umkrystallisiren aus kochendem Weingeist weiter gereinigt, zeigte er in der That alle Eigenschaften und Reactionen des Leucins. In einer Glasröhre vorsichtig erhitzt, lieferte er ein weisses wolliges Sublimat und amiylamin-ähnlich richende, alkalisch reagirende Dämpfe, auf Platinblech mit etwas Salpetersäure abgedampft, einen Rückstand, der beim Erwärmen mit etwas Natronlauge sich zu einem kugeligen, das Platinblech nicht benetzenden Tropfen zusammenzog (sehr characteristische von Scherer angegebene Reaction); er löste sich in Wasser, wenig in kaltem, reichlich in heissem <101> Weingeist, und es wurden seine wässrigen Lösungen durch Eisen und Kupfersalze, sowie durch Bleizucker nicht, wohl aber durch Bleizucker und Ammoniak gefällt; er gab endlich mit Salz- und Salpetersäure Lösungen, die bei vorsichtigem Verdunsten krystallisirende Verbindungen ausschieden, und in concentrirter salzsaurer Lösung einen gelben Niederschlag des Platindoppelsalzes. Nach allen diesen Reactionen lag hier unzweifelhaft Leucin vor.

Vorläufig glaube ich mich aller Conjecturen über die mögliche Bedeutung dieser Beobachtung, so nahe sie auch liegen mögen, enthalten zu sollen, ich halte sie aber für wichtig genug, um sie weiter zu verfolgen. Die nächstliegende Aufgabe wird sein zu ermitteln, ob das Vorkommen des Leucins unter den gegebenen Bedingungen ein constantes ist, dann aber wird das Verhältniss des Leucins zu dem gleichzeitig vorhandenen Asparagin, und zur Menge der Eiweisskörper fortzustellen sein.

Vor mehreren Jahren erhielt Herr H. Reinsch aus dem Safte von Chenopodium album, und zwar aus der jungen vor dem Blühen gesammelten Pflanze, einen Körper, welchen er Chenopodin nannte. Die mikroscopischen Formen, welche derselbe bei seiner Abscheidung aus seiner Lösung zeigte und welche ich zu sehen Gelegenheit hatte, stimmten mit jenen des Leucins so vollkommen überein, dass ich keinen Augenblick daran zweifelte, dass es Leucin war. Die von Herrn Reinsch später gegebene Beschreibung seines Chenopodins (1) konnte mich in meiner Ansicht nur bestärken, denn sie passte in allen wesentlichen Puncten auf Leucin. Wie ich einer Stelle in »Husemann, die Pflanzenstoffe« (2) entnehme, erklärt auch Dragendorff das Chenopodin für Leucin. Leider bin ich nicht in der Lage, die Angabe Dragendorff's näher an würdigen, da die Originalquelle derselben: eine Dorpater Dissertation (Bergmann, das putride Gift 1866) auch nichts Näheres darüber enthält. Weitere Angaben über das Vorkommen des Leucins in frischen Pflanzensäften liegen meines Wissens nicht vor.

 

Herr Prof. v. Gorup

theilte ferner mit, dass eine Untersuchung über das von Leared behauptete Vorkommen von Rhodanmetallen im Blut und Harn ihm ein negatives Resultat gegeben habe. <102>

Endlich demonstrirte Derselbe Präparate von flüssiger Kohlensäure und einen Krystall von Cyanplatinmagnesium.



(1) Neu. Jahrb. d. Pharm. XX. 268. XXI. 123. XXIII. 73. XXVIII. 193.
(2) S. 100.