[Aus dem Bericht über die Sitzung am 26. Mai 1873 der physikalisch-medicinischen Societät zu Erlangen.]

Herr Prof. v. Gorup

macht Mittheilung über

Chemische Untersuchung des Blutes bei lienaler Leukämie.

Nachstehende Versuche wurden mit hämorrhagischem Blute eines an lienaler Leukämie leidenden Mannes angestellt, welches mir Coll. von Ziemssen zur Disposition stellte. Eine abermalige Untersuchung derartigen Blutes war schon um desswillen nicht ohne Interesse, weil von sieben his jetzt bekannt gewordenen Analysen (zwei von Scherer, zwei von Polwarezny, und je eine von Körner, Reichardt und Salkowski) sich vier auf der Leiche entnommenes Blut beziehen, dieselben aber auch unter sich keineswegs vollkommen übereinstimmen. Je nach den Ergebnissen einer neuen Analyse war auch die Möglichkeit gegeben, die Frage zur endgültigen Entscheidung zu bringen ob der zuerst von Scherer signalisirte, später auch von anderen Beobachtern (Körner, Reichardt, Salkowski) aufgefundene leimähnliche, von Scherer geradezu als Glutin angesprochene Körper, mit diesem wirklich identisch, oder ihm nur nahe verwandt ist.

Das mir übersendete Blut war bereits geronnen; es betrug circa 450 - 500 CC. Der Blutkuchen war gut zusammengezogen und hatte das für leukämisches Blut charakteristische weisslich-rothe, zugleich marmorirte Aussehen, während das Serum milchig-weiss getrübt erschien. Die Reaction des letztern war ausgesprochen alkalisch. Der Blutkuchen wurde möglichst fein zerschnitten, in einem leinenem Säckchen gut ausgepresst, und die ausgepresste Flüssigkeit mit dem Serum vereinigt, in kochendes Wasser eingetragen. Die vollständige Abscheidung der Eiweissstoffe gelang auf diese Weise nicht, das Filtrat vom Coagulum war trübe und reagirte noch deutlich alkalisch. Unter diesen Umständen blieb nichts übrig, wie die Coagulation nochmals unter vorsichtigem Zusatz verdünnter Essigsaure vorzunehmen; auf diese Weise wurde auch ein völlig klares, bräunlich gefärbtes Filtrat erhalten, welches aber während der Concentration im Wasserbade fortwährend noch häutige, caseinähnliche Massen von Eiweissstoffen abschied. Als es die Consistenz eines dünnen Syrups <47>> erreicht hatte, erstarrte es an einem kühlen Orte zu einer dem Leim völlig ähnlichen zitternden Gallerte. Dieselbe wurde wiederholt mit Alkohol ausgekocht, die alkoholische Lösung zu weiterer Behandlung bei Seite gestellt, der darin unlösliche Rückstand aber in Wasser zu lösen versucht; er löste sich darin zum grössten Theile, während das ungelöst bleibende alle Charactere coagulirter Eiweissstoffe darbot. Die wässrige Lösung wurde hierauf mit dem mehrfachen Volumen von 90 gräd. Alkohol gefällt, das Präcipitat mit Alkohol ausgewaschen, und hierauf wieder mit Wasser behandelt, worin es sich nun ohne erheblichen Rückstand zu einer schleimigen Flüssigkeit löste, die beim Concentriren wieder zur Gallerte erstarrte, und sich auch sonst einer Glutinlösung sehr ähnlich verhielt. Die Lösung wurde zwar durch Tannin, nicht aber durch anorganische oder organische Säuren gefällt, ebenso wenig durch Thonerde-, Eisen-, Kupfer- und Quecksilberoxydulsalze. Sie wurde weiterhin gefällt durch Sublimat- und Platinchloridlösung, ganz in Uebereinstimmung mit dem Verhalten der Glutinlösungen. Dagegen aber wurde sie auch durch Bleiessig, und durch Essigsäure und Ferrocyankalium gefällt, welche beiden Reagentien Glutinlösungen bekanntlich unverändert lassen. Bei der Misslichkeit, die Eiweissstoffe im gegebenen Falle gänzlich ausser Spiel zu bringen, würde ich auf diese beiden Reactionen ebenso geringes Gewicht legen, wie Salkowski, der sie gleichfalls beobachtete; dass jedoch von einer Identität des Körpers mit Glutin keine Rede sein könne, lehrt sein optisches Verhalten, welches bei den bisherigen Untersuchungen nicht berücksichtigt wurde. Glutinlösungen zeigen nämlich nach de Bary und Hoppe-Seyler starke linksseitige Polarisation, während sich der leimähnliche Körper aus dem leukämischen Blute optisch vollkommen indifferent verhielt. Lösungen desselben von solcher Concentration, dass sie das Licht einer leuchtenden Gasflamme in einer 2 Decimeterröhre vollkommen absorbirten, liessen bei Beleuchtung mittelst Magnesiumlichtes eine Beobachtung zu, lenkten aber auch dann den polarisirten Lichtstrahl nicht im Geringsten ab. Man wird demnach zukünftig den Körper aus dem leukämischen Blute wohl als einen dem Glutin nahe verwandten, nicht aber als Glutin bezeichnen dürfen.

Der alkoholische Auszug zur Syrupsconsistenz gebracht, schied auch nach längerem Stehen nichts Kryatallinisches ab; er wurde in Wasser, worin er sich völlig löste, aufgenommen, die Lösung mit Ammoniak übersättigt und mit Silbernitrat gefällt, <48>> wodurch ein nicht unerheblicher, dem Hypoxanthin-Silberoxyd ähnlicher Niederschlag erhalten wurde. Das Filtrat davon, mit verdünnter Schwefelsäure versetzt, wurde nach dem Abfiltriren des dabei ausfallenden Chlorsilbers der Destillation unterworfen. Das stark saure Destillat enthielt Ameisensäure und kohlenstoffreichere Fettsäuren, wahrscheinlich Propionsäure, Essigsäure war ebenfalls darin vorhanden; da aber betreffs der vollständigen Abscheidung der Albuminstoffe dem Blute etwas Essigsäure zugesetzt werden musste, so ist dieser Befund natürlich ohne Bedeutung. Der Rückstand von der Destillation wurde zur Prüfung auf Milchsäure mit Aether so lange ausgeschüttelt, als sich derselbe noch färbte. Die sauer reagirende ätherische Lösung hinterliess in gelinder Wärme verdunstet, einen stark sauren Syrup. Derselbe wurde in Wasser gelöst, die Lösung mit Kalkmilch gekocht, filtrirt, und das Filtrat an einem mässig warmen Orte stehen gelassen. Es schied sich aber auch nach mehrtägigem Stehen dieser Flüssigkeit durchaus kein milchsaurer Kalk ab. Sie wurde hierauf im Wasserbade zur Trockene gebracht, der Rückstand mit starkem Alkohol erwärmt und filtrirt; als auch aus dem alkoholischen Auszuge Krystalle von milchsaurem Kalk sich nicht ausschieden, wurde die Flüssigkeit endlich in einem verschliessbaren Glase wiederholt mit kleinen Mengen Aether vermischt. Alsbald schieden sich weisse leichte flockige Massen aus, die allmählig die ganze Flüssigkeit durchsetzten, und recht wohl aus mikroskopischen Kryställchen bestehen konnten. Ihre mikroskopische Untersuchung ergab aber, dass sie völlig amorph waren. Von milchsaurem Kalk konnte sohin nicht die Rede sein. Auf ein Filter geworfen, zerflossen sie darauf binnen kurzer Zeit.

Es wurde nun alles wieder zur Trockne gebracht, mit Wasser aufgenommen, die wässrige, völlig neutrale Lösung mit Schwefelsäure versetzt und mit Aether ausgeschüttelt. Die abgehobene Aetherschicht im Wasserbade abgedampft, hinterliess einen geringen, stark sauern syrupösen Rückstand, der in Wasser aufgenommen, durch Chlorbaryum nicht getrübt wurde, mithin keine Schwefelsäure enthielt. Die wässrige Lösung mit kohlensaurem Zink gekocht und filtrirt, lieferte ein neutrales Filtrat, welches verdunstet Krystalle eines Zinksalzes lieferte. deren mikroskopischer Habitus allerdings mit jenem des milchsaurem Zinks, so wie er sich in Fig. 6 bei Lehmann (Handb. d. phys. Chemie, 2. Aufl. S. 63) darstellt, ziemlich übereinstimmte; doch fehlten die bauchigen keulenförmigen Gestalten, welche noch am charakteristischen sind, gänzlich. Es schliesst übrigens die leichte <49>> Löslichkeit des Kalksalzes, sowie seine amorphe Beschaffenheit, die Identität der Säure mit Milchsäure ohne Weiteres aus. Ob die Säure die von Salkowski gefundene phosphorhaltige war (Glycerinphosphorsäure ?), liess sich wegen Mangel an Material nicht entscheiden; doch spricht auch gegen Glycerinphosphorsäure die ungemeine Löslichkeit des Kalksalzes in Wasser.

Ich kehre nun zu dem in der amoniakalischen Lösung durch Silbersalpeter entstandenen Niederschlag zurück. Zu weiterer Reinigung des darin vorausgesetzten Hypoxanthjn-Silberoxyd's wurde derselbe, in Wasser vertheilt mit Schwefelwasserstoffgas zerlegt, das Filtrat vom Schwefelsilber zur Trockene verdunstet, und so ein schwach gelblich gefärbter Rückstand erhalten, der sich in verdünnter Schwefelsäure zum grössten Theile löste. Das darin Unlösliche auf dem Platinblech mit Salpetersäure und Ammoniak auf Harnsäure geprüft, gab ein negatives Resultat; aber auch die schwefelsaure Lösung blieb mit Ammoniak übersättigt, klar, ich konnte demnach ebensowenig wie Salkowski Harnsäure nachweisen. Die mit Ammoniak übersättigte schwefelsaure Lösung, abermals mit Silberlösung gefällt, gab einen Niederschlag der nach dem Auswaschen, in Salpetersäure kochend gelöst wurde. Nach dem Erkalten schied sich salpetersaures Silberoxyd-Hypoxanthin in Nadeln aus, welche unter dem Mikroskop die charakteristischen Formen zeigten und alle Eigenschaften dieser Verbindung besassen. Ihr Gewicht betrug bei 100° getrocknet 0,092 Grm. entsprechend 0,041 Grm. Hypoxanthin.

Durch meine Untersuchung wurden sonach im leukämischen Blute ausser den Normalbestandtheilen nachgewiesen:

  1. Ein dem Glutin jedenfalls sehr nahe verwandter, aber nach seinem optischen Verhalten damit keineswegs identischer Körper,
  2. Hypoxanthin in nicht unerheblicher Menge,
  3. Ameisensäure und kohlenstoffreichere flüchtige Fettsäuren und
  4. eine nicht flüchtige, in Wasser, Alkohol und Aether lösliche starke organische Säure, welche jedenfalls nicht Milchsäure war.

Harnsäure, Xanthin, Leucin und Tyrosin konnten nicht aufgefunden werden.

Der Vortragende knüpft hieran einige Betrachtungen über den Stand der Frage: welche Bestandtheile des leukämischen Blutes als für Leukämie charakteristisch mit Sicherheit anzusehen sind.