Sitzungsberichte der physikalisch-medicinischen Societät zu Erlangen, Heft 3 (1871), S. 74-76

 

Derselbe berichtet ferner:

Ueber das Melolonthin, einen neuen stickstoff- und schwefelhaltigen, krystallisirbaren Bestandtheil thierischer Organismen,

welchen Herr Phi1ipp Schreiner im hiesigen Laboratorium aus Maikäfern dargestellt hat. Die Untersuchung wurde ursprünglich in der Absicht unternommen, Guanin in denselben aufzufinden; dieses konnte aber nicht nachgewiesen werden, dagegen fand Herr Schreiner, ausser dem alsbald zu <75> beschreibenden neuen Körper, reichliche Mengen von harnsauren Salzen, oxalsauren Kalk, Leucin und Sarkin und zweifelhafte Spuren von Xanthin. Zur Darstellung dieser Körper wurde der wässerige Auszug der zerquetschten Thiere durch Aufkochen von Albuminaten befreit, colirt, hierauf filtrirt und das eingeengte Filtrat mit Bleiessig gefällt. Aus dem Filtrat vom Bleiniederschlage wurde das überschüssige Blei durch Einleiten von Schwefelwasserstoff entfernt, hierauf vom Schwefelblei abfiltrirt und auf ein kleines Volumen eingeengt, wobei sich harnsaure Salze abschieden. Nach Entfernung der letzteren durch das Filter, schied die Flüssigkeit bis zur Syrupsconsistenz concentrirt, nach längerem Stehen Krystalle ab, welche unter dem Mikroskope neben den kugeligen Formen des Leucins wohlausgebildete nadelförmige Krystalle erkennen liessen. Aus der Mutterlauge dieser Krystallisation schied sich nach mehreren Tagen noch eine zweite ähnliche ab. Beide Krystallisationen vereinigt wurden mit 70 procentigem Weingeist so lange gekocht, als derselbe noch etwas aufnahm Die kochend heiss filtrirten weingeistigen Auszüge schieden beim Erkalten Leucin ab, während ein weisser flockiger Körper ungelöst zurückblieb, der unter dem Mikroskop sich in Gestalt feiner Nadeln darstellte, ein geringer Theil dieses Körpers war übrigens auch in die weingeistige Lösung übergegangen. Die anfänglich gehegte Vermuthung, der in Weingeist schwerlösliche Körper möge Tyrosin sein, fand in dem Verhalten desselben keine Bestätigung. Derselbe gab namentlich nicht die so empfindliche Piria'sche Tyrosinreaction. Eine nähere Untersuchung dieses Körpers ergab überdies einen beträchtlichen Schwefelgehalt desselben. Durch Umkrystallisiren aus Wasser unter Zusatz von einigen Tropfen Ammoniak rein dargestellt, bildet er schneeweisse, prachtvoll seidenglänzende, ziemlich grosse rhombische Tafeln, welche vollkommen geruch- und geschmacklos sind, zwischen den Zähnen knirschen und sich zu einem weissen schweren Pulver zerreiben lassen; bei 100° verlieren sie Nichts an Gewicht, lösen sich in kaltem Wasser schwer, leichter in warmem. Die Lösung reagirt vollkommen neutral, in Weingeist sind sie sehr wenig löslich, in absolutem Alkohol und Aether unlöslich, leicht löslich in Kali, Natron, Ammoniak, kohlensaurem Natron, kohlensaurem Ammoniak und in Salzsäure, Salpetersäure und Schwefelsäure; weniger leicht löslich in Essigsäure. Kocht man die Lösung der Krystalle in Kalilauge mit einer Auflösung von Bleioxyd in Aetzkali, so scheidet sich wie beim Cystin eine reichliche Menge von Schwefelblei <76> aus. Mit Natronlauge auf einem Silberblech erhitzt, geben die Krystalle einen schwarzen Fleck von Schwefelsilber. Beim Erhitzen auf Platinblech decrepitiren sie; zerrieben verbrennt der Körper auf Platinblech ohne zu schmelzen unter Entwickelung des Geruchs nach verbrannten Haaren.

Zwei Elementaranalysen des Körpers lieferten folgende Werthe.

berechnet

gefunden

I.  

II.  

C6

60

33,33

  33,21

  33,91

H12

12

6,66

6,84

6,81

N2

28

15,55

14,90

-

S

32

17,22

17,15

-

O3

48

26,66

-

-

 

189

99,42

 

 

Kömmt diesem Körper die Formel C5H12N2S03 wirklich zu, so unterscheidet sich derselbe vom Cystin durch die Elemente eines Molecüls Acetamid, denn

C6 H12 N2 SO3

minus

C3 H7 N SO2

gibt

C3 H5 N O

  =  

C2 H3 O

  }  

N

H2

und von der Formel des Taurins durch die Elemente eines Molecüls Propionitril (- Aethylcyanür)

denn C5 H12 N2 SO3

minus C3 H7 N SO3 gibt

 

 

 

  }  

N

C3H5N

  =  

-
C3 H5

oder

  =  

CN

  }  

.

C2 H5

Leider war die Menge des erhaltenen Körpers, - aus dreissig Pfund Maikäfer des Jahres 1870 wurden nur 1,5 Grm. gewonnen, zu gering, um eine ausführliche Untersuchung desselben vorzunehmen, und im laufenden Jahr war das Material dazu leider nicht zu beschaffen; doch behält sich Herr Schreiner vor, den Gegenstand weiter zu verfolgen und namentlich zu versuchen, ob sich der Körper aus anderen niederen Thieren gewinnen lässt. Wir wollen ihn vorläufig als Melolonthin bezeichnen.