Jenaische Annalen für Physiologie und Medicin, Bd. 2 (1850), S. 237-243
 

XVI.

Quecksilber in der Leiche eines an Mercurialcachexie verstorbenen Individuums.
Mitgeteilt von
Prof. Dr. Gorup-Besanez in Erlangen.

Zu den Metallen, deren Resorption nach äusserlicher oder innerlicher Einwirkung auf den thierischen Organismus eine constatirte Thatsache ist, gehört bekanntlich auch das Quecksilber.

Zeller (1) fand es im Blute und in der Galle durch Quecksilber getödteter Thiere, Buchner sen. (2) im Blute eines Individuums, welches die Inunctionscur bis zur starken Salivation gebraucht hatte. In beiden Fällen wurden die betreffenden Materien, in einer Retorte der trockenen Destillation unterworfen, wobei sich in der stark abgekühlten Vorlage metallisches Quecksilber in Küchelchen vorfand. Die Menge desselben betrug in dem von Buchner beobachteten Falle 0,28 Gran. In mehreren Museen werden Knochen aufbewahrt, in welchen man nach längerem Quecksilbergebrauch der Personen, welchen sie angehört hatten, [238] metallisches Quecksilber gefunden haben wollte; im Harn von Kranken, welche mit Mercurialpräparaten behandelt wurden, behaupten Cantu, Landerer, Audouard und Orfila Quecksilber gefunden zu haben, Tiedemann, Gmelin, Wöhler und C. G. Mitscherlich gelang es jedoch nicht (3). Auch mit der Hautausdünstung soll nach dem Gebrauche von Quecksilberpräparaten dieses Metall ausgeschieden werden (Amalgamirung goldner Ringe), doch dürften diese Angaben einer weiteren Bestätigung bedürfen. Im Speichel während des Mercurial-Speichelflusses wurde es mehrfach gefunden (Buchner sen. (4), Audouard, u. s. w.), ebenso in parenchymatösen Organen: so erhielt Pickel (5) durch trockene Destillation des Gehirns eines mit Quecksilber imprägnirten Individuums metallisches Quecksilber.

Wenn nun gleich manche der oben. angedeuteten Beobachtungen vor der heutigen wissenschaftlichen Kritik nicht Stand halten dürften, wobei wir besonders jene Fälle im Auge haben, wo man metallisches Quecksilber in Kügelchen in den grossen Höhlen des Körpers, in den Eingeweiden, Gelenken, Knochen und Sehnenscheiden vorgefunden haben wollte, so bleibt doch dadurch die Thatsache der Resorption des Quecksilbers unalterirt, und die nachstehende Beobachtung kann in diesem Sinne auf Neuheit keinen Anspruch machen. Dagegen dürften aber die speciellen Verhältnisse, unter denen sie gemacht wurde, Interesse genug darbieten, um ihre Mittheilung zu rechtfertigen.

Im vergangenen Winter erhielt ich durch Herrn Dr. Fronmüller, practischen und Hospitalarzt zu Fürth, mehrere Organe und Organtheile einer an Quecksilbercachexie im dortigen Hospitale verstorbenen Frau mit der Bitte zugesendet, dieselben auf einen etwaigen Quecksilbergehalt zu prüfen.

Der Güte des oben genannten Arztes vordanke ich über den vorliegenden Fall folgende Mittheilungen: [239] 

Die 51jährige Spiegelbelegersfrau B. in Fürth hatte in einem Alter von 35 Jahren angefangen, mit Quecksilber zu manipuliren, und hatte seit dieser Zeit sehr: angestrengt arbeiten müssen, um ihren  gegenwärtig noch lebenden Mann (er ist ebenfalls ein Quecksilberzitterer und schon lange arbeitsunfähig) zu ernähren. Endlich jedoch stellte sich auch bei ihr das Mercurialzittern so stark ein, dass sie ein Jahr vor ihrem Tode genöthigt war, ihre Arbeit aufzugeben. Das Gliederzittern bildete sich in einen allgemeinen convulsivischen Zustand um, und Patientin musste im dortigen Hospital Hülfe suchen, wo sie am 13ten Dec. v. J. anlangte. Herr Dr. Fronmüller sah sie da zum ersten, Male. Es zeigte sich an ihr, wie gewöhnlich bei an Quecksilbercachexie Leidenden, eine pastöse Dicke am ganzen Körper, ihre Kopfhaare waren noch braun und reichlich, gehen konnte sie nicht mehr, und musste von zwei Personen halb geschleppt werden. Alle Körpertheile befanden sich im Zustande der Convulsion, mit der Eigenthümlichkeit jedoch, dass die Convulsionen der einzelnen Partieen, z. B. der Hände, Füße, des Bauches, Kopfes, ganz unäbhängig von einander waren und alles Rhythmus entbehrten. Jeder Theil zuckte gewissermassen für sich, sowohl in Bezug auf Zeit als Richtung.. Die Convulsionen dauerten ohne Nachlaß fort, so dass Patientin gar nicht schlafen konnte. Die Arme konnten kaum so fixirt werden, urn den Puls fühlen zu können. Der Urin ging in’s Bett ab. Dabei hatte die Frau ihr volles Bewusstseyn bis in die letzte Nacht. Sie klagte über Schmerzen, abwechselnd in verschiedenen Körpertheilen. Nur auf Anwendung von Schröpfköpfen bekam sie immer Erleichterung; Opium brach sie aus. Endlich beschloss der die Scene. Im Todeskampfe dauerten die Zuckungen am Kopf am längsten. Am 19ten Dec. 1849 wurde die Section gemacht. -- Das Gehirn war etwas collabirt, füllte die Schädelhöhle. nicht ganz aus, die harte Hirnhaut blauroth, die Venen daran injicirt. Die Substanz des. Gehirns besass einen höheren Grad von Consistenz wie gewöhnlich. Die dura mater des Rückenmarks war wenig injicirt, Knochenplättchen daran bemerkbar, das Rückenmark selbst sah ganz normal aus. Die Lungen waren hepatisirt, mit schwarzem Blut über- [240] -füllt und knisterten nicht. Das Herz normal. Die äussere Bedeckung der Milz war faltig. Die rechte Niere hypertrophisch, die linke atrophisch, die Pyramiden kaum zu erkennen. --

Nach dem Mitgetheilten war vorauszusehen, dass, wenn überhaupt Quecksilber zugegen war, seine Menge sehr gering seyn würde; jedenfalls wenigstens musste dieser mögliche Fall bei der Wahl der Untersuchungsmethode berücksichtigt werden, und ich entschied mich daher ohne langes Zögern für das von Fresenius und Babo (Annal. der Chem. u. Pharm. Bd. 49) zuerst angegebene, seither aber mehrfach beschriebene Verfahren  zur Aufsuchung von Metallgiften überhaupt. Allerdings konnte auf diese Weise die Frage, ob sich das Metall regulinisch, oder in irgend einer Verbindung und welcher im Körper befinde, keine Erledigung finden, allein um diese Frage zur Entscheidung zu bringen, dürften überhaupt mehr Anhaltepuncte erforderlich seyn, als in dem vorliegenden Fall gegeben   waren, und es wäre zu befürchten gewesen, dass bei einem Eingehen auf die secundäre Frage die primäre, offenbar wichtigste --: ob überhaupt Quecksilber vorhanden, -- unerledigt blieb.

Das eingeschlagene Verfahren hingegen bot bei sorgfältiger Ausführung die grösstmöglichste Garantie für Erledigung der Hauptfrage.

Jenen Lesern gegenüber, welchen die mehrerwähnte Methode zur Ausmittlung von Metallgiften in organischen Substanzen unbekannt geblieben wäre, fühle ich mich zur Exposition desselben verpflichtet.

Die der Untersuchung unterworfenen Theile wurden in einer ungebrauchten Porzellanschale fein zerschnitten, gleichmässig unter einander gemengt, mit so viel chemisch-reiner Salzsäure übergossen, dass ihr Gewicht ungefähr dem Gewicht der in der ganzen Masse enthaltenen Substanzen, getrocknet angenommen, gleich kam, und noch so viel Wasser zugesetzt, dass das Ganze einen dünnen Brei bildete. Die Schale wurde sodann in ein Wasserbad gesetzt, in selbem erwärmt, und nun so lange von Zeit zu Zeit kristallisirtes chlorsaures Kali in kleinen Partieen [241] zugefügt, bis die Flüssigkeit, hellgelb und homogen geworden war, mit andern Worten: bis zur möglichst vollständigen Zerstörung der organischen Substanz. Hierauf wurde filtrirt, der Rückstand auf dem Filter mit Wasser vollständig ausgewaschen, das Waschwasser mit dem ersten Filtrat vereinigt, die gesammte Flüssigkeit im Wasserbade concentrirt, und durch 18-24 Stunden ein mässiger Strom von gewaschenem Schwefelwasserstoffgas hindurch geleitet. Nach Verlauf dieser Zeit ward die Flüssigkeit mehrere Stunden an einem mässig warmen Orte stehen gelassen, dann der etwa gebildete Niederschlag auf einem kleinen Filter gesammelt, ausgewaschen und, da es sich im vorliegenden, Falle nur um die Ausmittelung von Quecksilber handelte, in Königswasser gelöst. Das weitere Verfahren bestand darin, die Lösung durch Abdampfen im Wasserbade vom grössten Theil der überschüssigen Säure zu befreien, mit Wasser zu verdünnen und die so behandelte Flüssigkeit eine einfache, aus einem Gold- und Zinkplättchen bestehende galvanische Kette zu stellen. Diese Kette wurde übrigens mit der Lösung mindestens 8-12 Stunden in Berührung gelassen. -- Im Falle Quecksilber zugegen war, musste sich selbes auf dem Goldplättchen metallisch niederschlagen und konnte auf selbem noch weiter geprüft werden. (Smithson, Taylor, Danger und Flandin.)

Die in Arbeit genommenen Theile waren: Lunge und Herz, grosses und kleines Gehirn, ein Stück der Wirbelsäure, die Leber und die Galle. Das Ergebnis der Untersuchung war folgendes:

  1. Lunge und Herz, mit einander vereinigt, gaben auf obige Weise keine Spur von Quecksilber zu erkennen.
     
  2. Die Leber gab, mit chlorsaurem Kali und Salzsäure zerstört, eine Flüssigkeit, in der nach 24stündiger Einwirkung von Schwefelwasserstoffgas rein brauner Niederschlag entstand, welcher in Königswasser gelöst u. s. w. nach 6stündiger Einwirkung auf die Gold-Zink-Kette einen deutlichen grauweissen Beschlag am Goldplättchen gab. Durch Reiben mit Papier nahm derselbe eine silberweisse Farbe und Silberglanz an. [242]
    Das Goldplättchen wurde nun in eine vollkommen trockene, an einem Ende zugeschmolzene Glasröhre gebracht und dieselbe über der Weingeistlampe erhitzt. Alsbald verschwand der weisse Beschlag des Goldes und es bildete sich oberhalb des Plättchens in der Glasröhre ein weisser Beschlag, welcher, mit der Loupe untersucht, sich aus glänzenden Kügelchen bestehend erwies. – Die Gegenwart einer immerhin sehr geringen Menge Quecksilber in der Leber war sonach nicht zu bezweifeln.
     
  3. Die Galle (ungefähr ½ £) mit chlorsaurem Kali und Salzsäure u. s. w. behandelt, gab ein negatives Resultat.
     
  4. Grosses und kleines Gehirn vereinigt behandelt, lieferten einen sehr unbedeutenden zweifelhaften Beschlag auf dem Goldplättchen, über dessen Natur entscheidende Resultate nicht gewonnen wurden.
     
  5. Das übersandte Stück der Wirbelsäule wurde etwas abweichend  behandelt. Da es mir sich zunächst darum zu handeln schien, ob im Knochen Quecksilber nachzuweisen sei, überliess ich es der Maceration, um den Knochen möglichst rein zu erhalten. Derselbe wurde sodann in chemisch-reine, verdünnte Salzsäure so lange aufgehängt, bis alle Knochenerde aufgelöst war. In der Lösung fand sich keine Spur von Quecksilber. Der rückständige organische Antheil des Knochens, die Knorpelsubstanz wurde zerschnitten und in obiger Weise durch Salzsäure und chlorsaures Kali zerstört u. s. w. Auch hier war das Resultat ein negatives. --

Ich glaube kaum nöthig zu haben, jene Puncte hervorzuheben, welche der vorstehenden Beobachtung physiologisches, pathologisches und toxicologisches Interesse verleihen.

Dass sich noch Spuren von Quecksilber im Körper befanden, nachdem die Einwirkung dieses Metalls auf das betreffende Individuum bereits ein volles Jahr aufgehört hatte, ist gewiss eine bemerkenswerthe Erscheinung und bestätigt die mehrfach von anderer Seite hervorgehobene Thatsache, dass gewisse Metalle (Antimon u. s. w.) sehr lange Zeit im Körper zurückgehalten werden können. Dass. ferner das Metall im vorliegenden Falle sich nur [243] in der Leber mit Bestimmtheit nachweisen liess, ist als ein neuer Beitrag für die thatsächliche Begründung des Satzes anzusehen, wonach Metallgifte sich überhaupt am längsten in der Leber nachweisen lassen, sowie denn eine gewisse Beziehung dieses Organes zu von aussen in den Organismus gebrachten und resorbirten Metallen bei leidlich gutem Willen kaum mehr zu läugnen seyn dürfte.

In der vorstehenden Untersuchung wurde ich von zweien meiner Zuhörer, den H. H. stud. pharm. Fr. Schmidt und W. v. Loevenich bestens unterstützt.

 


(1) Ch. M. Zeller (praes. Authenrieth), Dissert. inaug. med. sist. expp. quaedam  circa effectus hydrargyri in animalia viva. Tubing. 1808.
(2) J. A. Buchner, Toxicologie. 2te Aufl., 1827, S. 538.
(3) C. G. Mitscherlich’s Lehrb. der Arzneimittellehre. 2te Aufl. 1847. Bd. I. S. 65.
(4) J. A. Buchner a. a. O.
(5) Orfila, Allgem. Toxicologie nach der 3ten Aufl. übersetzt von Dr. O. B. Kühn. Leipzig 1830 Bd. I, S. 229.