Rede am Grabe des Herrn

Dr. Eugen Frhr. Gorup von Besanez,
ordentlichen Professors der Chemie an der Universität zu Erlangen,

gehalten am 26. November 1878
von

Dr. Eugen Lommel,

ord. Professor der Physik, d. Z. Dekan der philosophischen Fakultät.
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Erlangen, Druck der Universitäts-Buchdruckerei von Junge & Sohn. 1879.




Gestatten Sie mir, verehrte Leidtragende, dass ich als Dekan der Fakultät, welcher der Verewigte so lange Jahre angehörte, im Namen der Kollegen und aus eigenem vollem Herzen dem Hingeschiedenen einen kurzen Nachruf widme.

Werfen wir vor allem einen Rückblick auf die äußeren Umstände des rastlos tätigen Lebens, das in diesem Grabe seinen Abschluss gefunden hat.

Eugen Freiherr Gorup von Besanez wurde am 15. Januar 1817 in Graz geboren als Sohn des k. k. Feldmarschall-Leutnants und wirklichen geheimen Raths Franz Freiherr Gorup von Besanez, welcher mit einer geborenen Moitell vermählt war. Auf dem Gymnasium zu Graz und Klagenfurt erwarb er sich eine gediegene humanistische Bildung und bezog, nachdem er letzteres Gymnasium 1836 absolviert hatte, als 19jähriger Jüngling die Universität Wien, um sich dem Studium der Medizin zu widmen. Nachdem er das Wintersemester 1838/39 in Padua zugebracht, um aus Lippich's klinischen Vorträgen Nutzen zu ziehen, setzte er 1839 seine medizinischen Studien zu München fort unter Lehrern wie Walther, von Gietl, Ringseis, Weissbrod, Strohmeyer u. A. und promovierte daselbst im Jahre 1842. Der junge Doktor begab sich abermals nach Wien, um sich unter den Koryphäen der Wiener Schule in pathologischer Anatomie und physikalischer Diagnostik weiter auszubilden. Nach Bayern zurückgekehrt bestand er 1843 der damaligen Prüfungsordnung gemäss beim Medizinalkomitee in Bamberg mit ausgezeichnetem Erfolge seine "Proberelation". Von nun an wandte er sich mehr und mehr der chemischen Seite der Medizin, der pathologischen und physiologischen Chemie zu und vollendete unter der Leitung des älteren und jüngeren Buchner in München sowie später in Göttingen unter Wöhler's Auspizien seine Ausbildung auch in dieser Richtung. Nachdem er 1844 die medizinische Staatsprüfung mit Auszeichnung bestanden, beschloss er die akademische Laufbahn zu betreten, habilitierte sich 1846 auf Grund seiner Schrift "Untersuchungen über die Galle" bei der medizinischen Fakultät der Universität Erlangen und begann seine Lehrtätigkeit im November des genannten Jahres. Im Januar 1847 vermählte er sich mit Rosalie Deuringer aus München. Im Jahre 1849 wurde er zum außerordentlichen Professor der organischen und analytischen Chemie in der medizinischen, 1855 zum ordentlichen Professor der Chemie in der philosophischen Fakultät ernannt; 1857 wurde ihm, nach Kastner's Tod. Die Direktion des chemischen Laboratoriums übertragen, nachdem er bis dahin sich mit einem zum Teil auf eigene Kosten eingerichteten und unterhaltenen Privatlaboratorium in gemietetem Lokal beholfen hatte. Von 1866 bis 1872 vertrat er auch das Fach der Hygiene. Unserer Friedrich-Alexanders-Universität blieb er in unermüdlicher Tätigkeit treu bis an sein Lebensende. Diese Treue bewährte sich, als im Frühjahr 1873 eine ehrenvolle Berufung als Professor der medizinischen Chemie an der Universität Wien an ihn gelangte. Die Liebe zu seinem hiesigen selbstgeschaffenen Wirkungskreis, mit dem er auf's engste verwachsen war, trug den Sieg davon und er lehnte den lockenden Ruf ab. Zu diesem Entschlusse trug indessen nicht wenig bei seine warme Anhänglichkeit an das wiedererstandene deutsche Reich, in dessen Begründung er wie so mancher Altersgenosse die Verwirklichung seiner patriotischen Jünglingsträume erblickte. Denn in der Brust des Mannes von südslawischer Abstammung und fremdklingendem Namen schlug ein echtes deutsches Herz. Verdiente Anerkennung für die seinem Berufskreis und seinem Adoptivvaterland bei diesem Anlass bewiesene Treue ward ihm durch Verleihung des Zivilverdienstordens der bayerischen Krone, nachdem er schon ein Jahr vorher durch das Ritterkreuz des Verdienstordens vom hl. Michael I. Klasse ausgezeichnet worden war. Sein schon länger gehegter Wunsch, dass das infolge der stetig steigenden Frequenz der Chemiestudierenden unzulänglich gewordene chemische Laboratorium durch einen Neubau erweitert werde, wurde ebenfalls aus Anlass dieser Berufung der Erfüllung näher gerückt und endlich durch Bewilligung der Mittel für die gegenwärtige Finanzperiode gewährt. Leider war es ihm nicht mehr vergönnt, die jetzt nahe bevorstehende Vollendung dieses Erweiterungsbaues zu erleben. Er verschied an den Folgen eines Schlaganfalls nach kurzem Krankenlager am Morgen des 24. November.

So wurde ein an nutzbringender Tätigkeit fruchtbares, an wissenschaftlichen Lorbeeren reiches Leben zu früh, wie durch einen jähen Sturm, geknickt. Zu früh! Denn noch manche reife Frucht emsiger Forschung hätte die Wissenschaft von seiner noch ungetrübten Geistesfrische, von seinem nimmermüden Fleiße erwarten dürfen. Nicht als ob seine vorliegenden Leistungen nicht hinreichten, seinem Namen eine ehrenvolle Stelle in der Geschichte der Chemie für immer zu sichern; denn wahrlich nicht wenige sind der wertvollen Gaben, mit welchen er seine Wissenschaft bereichert hat. Überblicken wir auch nur oberflächlich die lange Reihe seiner Schriften, so tritt uns schon aus den Gegenständen, über welche sie handeln, gleichsam ein Bild seines wissenschaftlichen Entwicklungsganges entgegen. Wir sehen, wie der junge Mediziner zu der Chemie, für welche in Deutschland durch die denkwürdigen Arbeiten Liebig's eine neue Ära heraufgeführt worden war, mit Begeisterung hinübergezogen wurde und dieser Wissenschaft bald eine ungeteilte Kraft widmete. Die Zoochemie, welche dem Mediziner am nächsten lag, war folgerichtig das Gebiet, auf welchem er seine ersten wissenschaftlichen Erfolge errang. Bis zuletzt unübertroffener Meister auf diesem Spezialgebiet, beherrschte er gleichwohl den gesamten Bereich seiner umfangreichen Wissenschaft mit seltener Sicherheit. Es kann jedoch meine Aufgabe nicht sein, seine wissenschaftliche Bedeutung eingehender zu charakterisieren: diese Aufgabe kommt selbstverständlich den spezielleren Fachgenossen zu. Was er aber als Lehrer geleistet hat, davon vermag ich aus eigener Kenntnis vollgültiges Zeugnis abzulegen. Er hat sich seine Aufgabe als akademischer Lehrer niemals leicht gemacht; mit rastlosem Eifer, mit seltener Lehrgabe, in klarem durchdachtem Vortrag vermittelte er seinen Schülern die reichen Schätze seines Wissens. Mit wie großem Erfolg, das zeigt die zahlreiche Schar von gründlich gebildeten jungen Chemikern, welche aus seinem von echt wissenschaftlichem Geiste durchwehten Laboratorium hervorgegangen ist. Seiner unermüdlichen Hingebung an seine Pflicht als Lehrer ist eben sosehr wie seinem wissenschaftlichen Ruf die hohe Entwicklung zu verdanken, zu welcher sich das Studium der Chemie an unserer Universität erhoben hat. Seine Lehrtätigkeit war übrigens nicht in die Grenzen seines Hörsaals und seines Laboratoriums eingeschränkt; sie erstreckte sich vielmehr weit darüber hinaus auf sämtliche deutsche, ja auch auf ausländische Hochschulen: durch sein vortreffliches Lehrbuch der Chemie, dessen erster Teil (anorganische Chemie) bereits in sechster Auflage vorliegt, ist er vielen Tausenden von Lehrbegierigen zum sicheren Führer geworden, welche alle seinen Namen mit Verehrung nennen.

Gewiss war es ein Zeichen der Anerkennung für die fruchtbare Wirksamkeit des Gelehrten und Lehrers, dass ihn die Universität vor vier Jahren als Prorektor an ihre Spitze berief; aber nicht minder ein Zeichen des Vertrauens in die vortrefflichen Charaktereigenschaften, welche ihn als Menschen zierten. Seine gereifte Erfahrung, sein umsichtiges Urteil, sein sicherer Takt waren bei der Beratung gemeinsamer Angelegenheiten von unschätzbarem Werte. Gerade und offen, an dem einmal für richtig Erkannten trau festhaltend, von feinen gefälligen Umgangsformen, wusste er sich die Zuneigung seiner Freunde, die Liebe seiner Schüler, die Hochachtung aller, welchen es vergönnt war, persönlich mit ihm zu verkehren, zu erwerben und zu erhalten. Tief erschüttert durch sein unerwartetes Hinscheiden, mit Trauer erfüllt über den schweren Verlust, den unsere Universität erlitten, stehen wir an der offenen Gruft des unvergesslichen Freundes und Kollegen, und rufen ihm als letzten Gruß hinab: Friede seiner Asche.