[v. Gorup-Besanez, Physiologische Chemie, 4. Auflage (1878),  Seiten V-X.]

 

VORWORT.

[zur 1. Auflage 1862]



Die Gesichtspunkte, welche mich bei der Bearbeitung des dem Publicum nun vorliegenden dritten und letzten Bandes meines Lehrbuchs der Chemie geleitet haben, in Kürze darzulegen, ist mir um so mehr Bedürfniss, als sich damit, wie ich wenigstens hoffe, die von jener der beiden ersten Bände so sehr verschiedene Behandlung des Gegenstandes rechtfertigen wird.

In einem Lehrbuche der allgemeinen anorganischen und organischen Chemie, welches für Anfänger bestimmt ist, erscheint eine elementare und dogmatische Behandlung entschieden am Platze, und sie bietet hier auch keine besonderen Schwierigkeiten dar, denn in beiden Doctrinen ist das System zu einem gewissen Abschluss gelangt, und das Thatsächliche mit hinreichender Sicherheit festgestellt. Anders aber verhält es sich mit der physiologischen Chemie. Die physiologische Chemie ist eine angewandte und keine elementare Doctrin, denn ihre Aufgabe ist es, gewisse Lebensvorgänge, die auf Mischungsänderungen der Materie beruhen, aus chemischen Gesetzen zu erklären, sie setzt somit die Kenntniss jener Lebensvorgänge und die Kenntniss der chemischen Gesetze, mit anderen Worten, sie setzt Physiologie und theoretische Chemie voraus. Kann nach dem Erörterten von einer elementaren Behandlung her nicht die Rede sein, so ist eine dogmatische leider auch nicht möglich. Wer sich auf dem Gebiete der physiologischen Chemie nur einigermaassen umgesehen hat, wird sicherlich darin mit mir einverstanden sein, dass eine dogmatische Behandlung niemals ein Spiegelbild des gegenwärtigen Standpunktes dieser Doctrin, sondern höchstens ein subjectiv gefärbtes Phantasiegemälde liefern [VI]  könnte. Darin liegt eben die Gefahr der dogmatischen Behandlung, dass der Leser das in präciser und bestimmter Form Ausgedrückte als ein- für allemal festgestellt und der Controverse entrückt betrachtet; wie viele Fragen aber sind es auf dem Gebiete der physiologischen Chemie, die als definitiv erledigt zu betrachten wären? Ihre Zahl ist verschwindend klein gegen diejenigen, worüber noch immer die grössten Meinungsverschiedenheiten bestehen. Handelte es sich nur um verschiedene Deutung constatirter Thatsachen, dann könnte man hoffen, bald zu einer Einigung zu gelangen. Leider aber handelt es sieh um die Thatsachen selbst. In vielen Fragen stehen sich. nicht Deutungen, sondern geradezu contradictorische Beobachtungen gegenüber, ohne dass es immer möglich wäre, nach den Regeln der Kritik die eine derselben als die richtige zu erkennen, oder durch das Experiment selbst mit Erfolg zu controliren, denn es ist selten thunlich, dieselben Bedingungen willkürlich herzustellen, unter denen die zu controlirende Beobachtung gemacht wurde. Nur Derjenige, welcher das weite Gebiet der physiologischen Chemie mit ihrer überall zerstreuten Literatur zu durchstreifen Gelegenheit und Veranlassung hatte, weiss, wie viele Aehnlichkeit eine derartige Wanderung mit jener eines Reisenden darbietet, der nicht wohlgebahnte Wege und bequeme Reisegelegenheit vorfindet, sondern sich seinen Weg durch dichtes Gestrüpp nicht selten mit dem Beil erst bahnen, und in der einzuschlagenden Richtung sich auf Compass und etwa vorhandene cartographische Skizzen verlassen muss.

Bei einem derartigen Sachverhalte bleibt nur die historische Behandlung übrig und zwar nicht allein in der Form, sondern auch in dem eigentlichen Wesen. Sowie in dunklen Parthieen der Geschichte nur die inductive Methode und die darauf basirende Kritik zur Leuchte dienen kann, die das Dunkel zu erhellen geeigenschaftet ist, so auch in der physiologischen Chemie. Hier aber liegt in der historischen Methode eine Gefahr, deren ich mir wohl bewusst war, nämlich die, aus dem Tone eines Lehrbuchs in den eines Handbuchs zu verfallen, und will man, wie ich das bestrebt war, dieser Gefahr aus dem Wege gehen, so kann es leicht geschehen, dass man in eine andere verfällt, nämlich in die, der Darstellung zu sehr das Gepräge seines subjectiven Standpunktes aufzudrücken. Es kommt mir nicht zu, zu beurtheilen, oh es mir gelungen ist, zwischen diesen beiden Klippen glücklich hindurch zu steuern, und ich will [VII] auch gern zufrieden sein, wenn sachverständige, wohlwollende Richter finden sollten, dass ich meine Subjectivität nicht mehr in den Vordergrund gestellt habe, als es bei dem Historiker zulässig und gewöhnlich ist.

So viel über die Methode. Was die Art der Bearbeitung selbst anbetrifft, so suchte ich dabei den eigentlichen Zweck des Buches nicht aus dem Auge zu verlieren. Meine Absicht war nämlich, dem Physiologen, dem wissenschaftlich durchgebildeten Arzte, und endlich dem in seinen Studien vorgeschrittenen Studirenden der Medicin ein Buch in die Hand zu geben, welches in gedrängter Form zwar, zugleich aber in möglichster Vollständigkeit und Uebersichtlichkeit alles Das enthielte, was von Thatsachen und Theorien für die Deutung der stofflichen, auf Mischungsänderungen beruhenden Lebensvorgänge von irgend welcher Bedeutung ist. Der Sachlage nach musste dabei die Thierchemie ganz entschieden in den Vordergrund treten, allein es dürfte nach meiner Ueberzeugung die Pflanzenchemie nicht völlig ausgeschlossen werden. Vielmehr habe ich dem innigen Zusammenhange entsprechend, welchen die Entwickelung der Pflanzen und Thiere darbietet, die Metamorphosen des Stoffs von dem Momente an, wo er organisch geworden, bis zu jenem, wo er wieder anorganisch wird, sonach die Gesetze des allgemeinen Kreislaufs des Stoffs, von der Pflanzenernährung beginnend in den Kreis der Betrachtung gezogen, denn diese Gesetze scheinen mir nothwendige Prämissen auch der physiologischen Thierchemie zu sein.

Diese Gesetze habe ich im ersten Abschnitte unter der Ueberschrift: Allgemeine chemische Biostatik zu entwickeln versucht. Soweit sie sich auf den Chemismus des thierischen Lebens beziehen, enthalten sie die allgemeinen Grundlinien dessen, was in den folgenden Abschnitten im Detail ausgeführt ist; ihr Verständniss aber verlangt nicht mehr Kenntnisse, als in der allgemeinen anorganischen und organischen Chemie, die ja beide vorausgesetzt werden, geboten sind. Dies, sowie die Regel, das Allgemeine dem Besonderen vorangehen zu lassen, mag es rechtfertigen, dass ich diesen Abschnitt voranstellte, obgleich nicht geleugnet werden soll, dass auch für eine entgegengesetzte Anordnung sich Gründe geltend machen liessen.

In dem zweiten Abschnitte habe ich das niedergelegt, was über die physiologischen Beziehungen der chemischen Bestandtheile des [VIII] Thierkörpers bekannt ist. Hätte ich mich hier darauf beschränkt, nur das mitzutheilen, was definitiv festgestellt ist, so wäre dieser Abschnitt mager genug ausgefallen, allein dies würde dem ausgesprochenen Zwecke eines derartigen Buches wenig gemäss sein. Dieser verlangt vielmehr, dass der Leser von dem gegenwärtigen Stande der Discussion über die hier so zahlreichen streitigen Fragen in Kenntniss und dadurch in den Stand gesetzt wird, sich darüber ein eigenes Urtheil zu bilden. Deshalb mussten auch alle auf nicht zu luftiger Grundlage fussenden Hypothesen und Theorieen berücksichtigt werden, die, wenn sie dem thatsächlichen Verhältnisse auch nicht immer entsprechen, den unleugbaren Nutzen gewähren, zu weiteren Forschungen anzuregen. Ausser den physiologischen Beziehungen des Vorkommens, der Abstammung, der Metamorphosen und des Austritts aus dem Organismus und der Bedeutung für die thierische Function, habe ich auch eine kurze chemische Charakteristik der einzelnen chemischen Verbindungen in diesen Abschnitt aufgenommen; es geschah dies vorzugsweise im Hinblick auf die ärztlichen Leser, denen eine derartige Recapitulation des allerdings in das Gebiet der theoretischen und analytischen Chemie Gehörenden nicht unwillkommen sein dürfte.

In der Bearbeitung des dritten Abschnittes, die Chemie der thierischen Flüssigkeiten, Gewebe und Organe enthaltend, habe ich mich bemüht, das zu geben, was man nach der Ueberschrift dieses Abschnittes zu erwarten berechtigt war, nämlich eine Darstellung der chemischen Thatsachen. Alles rein Physiologische und Histologische wurde grundsätzlich vermieden oder nur angedeutet, dagegen den pathologisch-chemischen Beziehungen thunlichst Berücksichtigung geschenkt. Bei den quantitativen Verhältnissen liess ich wo möglich die Zahl selbst sprechen, und suchte dieselben Überhaupt möglichst übersichtlich zu entwickeln; dass ich in diesem Abschnitte auch die bewährteren Aschenanalysen aufgenommen habe, wird, wie ich hoffe, um so eher Billigung finden, als diese nur dem in der chemischen Literatur gut Bewanderten bisher zugänglicher waren, und es dadurch dem Arzte und Physiologen geradezu verwehrt war, über diese in physiologischer Beziehung vielfach wichtigen Thatsachen einen raschen Ueberblick zu gewinnen.

Ausser dem allgemeinen chemischen Verhalten wurden auch die analytischen Methoden wenigstens in den allgemeinsten Grundzügen aufgenommen. Eine Anleitung zur zoochemischen Analyse [IX] soll dieser Abschnitt nicht ersetzen, wohl aber soll das davon Aufgenommene dazu dienen, von den analytischen Methoden eine allgemeine Anschauung zu geben. Ausführlicher wurden dieselben nur beim Harn beschrieben, wegen der besonderen Wichtigkeit und vielfachen Anwendung derselben in der Physiologie und Pathologie. Auch den vergleichend-chemischen Thatsachen bezüglich der niederen Thierclassen wurde in diesem Abschnitte eine wenngleich untergeordnete Stelle eingeräumt.

Die Lehre von denjenigen thierischen Functionen, die auf Affinitätsgesetze mehr oder weniger zurückgeführt werden können, ist im vierten und letzten Abschnitte enthalten. Hier war es, um nicht in die reine Physiologie zu gerathen, ganz besonders nöthig, sich auf die wirklich chemischen Beziehungen zu beschränken. Dass auch die chemische Charakteristik der wichtigeren thierischen und pflanzlichen Nahrungsmittel in diesem und theilweise in dem vorhergehenden Abschnitte berücksichtigt, demnach auf das Gebiet der physiologischen Diätetik ein Streifzug unternommen wurde, wird mir, wie ich hoffe, namentlich bei den Aerzten, nicht zum Vorwurfe gereichen. Das Capitel von der Ernährung, welches leicht das umfangreichste hätte werden können, ist deshalb so kurz ausgefallen, weil bei dem schwankenden Stande unserer gegenwärtigen Anschauungen über den Werth der bisher angestellten statistischphysiologischen Beobachtungen und bei der wohl so ziemlich allgemeinen Ueberzeugung, dass der Tag noch nicht gekommen ist, wo wir eine Stoffwechselgleichung aufstellen können, eine Darstellung der bisherigen nach dieser Richtung unternommenen Untersuchungen in einem Lehrbuche nur verwirrend wirken würde, und jedenfalls kaum am Platze wäre.

Vollständige Literaturangaben lagen nicht im Plane dieses Werkes. Doch habe ich bei den wichtigeren und namentlich den controversen Capiteln und Fragen die betreffende Literatur für Diejenigen zusammengestellt, die auf diesem Gebiete besondere Studien machen oder sich überhaupt näher unterrichten wollen; theilweise dienen diese Angaben auch dazu, um auf die Quellen zu verweisen, aus denen ich selbst geschöpft habe.

Endlich muss ich noch einen Punkt berühren, der der Kritik möglicherweise eine Handhabe zum Tadel darbieten könnte. Es ist in der letzten Zeit so sehr Mode geworden, die mikroskopischen Krystallformen der in physiologischer oder pathologischer Beziehung [X] wichtigeren chemischen Verbindungen durch Abbildungen zu veranschaulichen, dass es mir zum Vorwurf gemacht werden könnte, dass ich nicht desgleichen gethan habe. Ich hatte aber dazu meine guten Gründe. Ohne den Nutzen derartiger Abbildungen im Allgemeinen irgendwie bestreiten zu wollen, glaube ich doch, und die physiologisch-pathologisch-chemische Literatur der neueren Zeit giebt dafür mehrfache Belege, dass sie schon vielfaches Unheil angerichtet haben. Je länger ich mich auf dem Terrain der zoochemischen Analyse bewege, und es steht mir in dieser Beziehung eine Erfahrung von nahezu zwei Jahrzehnten zu Gebote, desto mehr überzeuge ich mich, wie viel Bedenkliches die mikroskopische Diagnose chemischer Verbindungen hat. Anorganische Verbindungen zeigen häufig in ihren mikroskopischen Krystallformen mit denen organischer wie jener des salpetersauren und oxalsauren Harnstoffs, des Leucins und Tyrosins, des Allantoins, Kreatins, der Hippursäure und anderer, so ausserordentliche Uebereinstimmung, dass nur grosse Uebung und Skepsis vor groben Täuschungen einigermaassen schützen kann. Es wäre unschwer, aus der neuesten Literatur für diese Ueberzeugung mehrfache specielle Belege zu liefern. Andererseits aber bin ich der Meinung, dass es gerathener ist, auf bereits vorhandenes Treffliches zu verweisen, wenn man nicht in der Lage ist, noch Vorzüglicheres zu leisten. In diesem Falle glaube ich mich aber gegenüber den trefflichen Atlassen von Funke und Robin u. Verdeil zu befinden, und ich habe daher, so wie ich es bereits in meiner Anleitung zur zoochemischen Analyse that, auch in diesem Werke überall auf die Abbildungen der genannten Atlasse besonders verwiesen. Vielleicht dass demnächst die angebahnte Verallgemeinerung des photographischen Verfahrens mit seiner sich täglich vervollkommnenden und vereinfachenden Technik es möglich machen wird, auch hier noch Vollkommeneres zu leisten.

Erlangen, im November 1861.

Der Verfasser.