[v. Gorup-Besanez: Lehrbuch der Organischen Chemie, 5. Auflage 1876, Seiten VII-VIII]

 

VORWORT ZUR VIERTEN AUFLAGE.

Wenn ein Gebäude dem Bedürfnisse nicht mehr genügt, so pflegt man zunächst durch Anbau zu helfen. Früher oder später kömmt man aber zur Ueberzeugung, dass gründliche Hebung der vorhandenen Mängel nur von einem Neubau zu erwarten ist. Nicht anders verhält es sich mit den Auflagen von Lehrbüchern solcher Doctrinen, welche in rascher Entwickelung begriffen sind. Für welche Doctrin gälte dies aber in höherem Grade, wie für die organische Chemie? Ich habe nicht gezögert, diesen Weg einzuschlagen, als ich ihn für an der Zeit hielt, und glaube ohne Widerspruch zu befürchten, die vorliegende vierte Auflage meiner organischen Chemie als ein völlig neues Buch bezeichnen zu dürfen. Dass der Neubearbeitung die atomistisch-moleculare Theorie und die Vierwerthigkeit des Kohlenstoffs zu Grunde gelegt wurde, wird wohl kaum einer Rechtfertigung bedürfen. Mag man der sogenannten modernen Chemie noch so wenig sympathisch gegenüber stehen, mag man ihre dogmatische Einseitigkeit beklagen, immer wird man zugeben dürfen, dass sie ein Entwickelungsstadium unserer Wissenschaft ist, welches durchgemacht werden, dass sie ein Factor ist, mit welchem man rechnen muss. Ist sie auch sicherlich nicht die volle Wahrheit, und thut sie hie und da Thatsachen Zwang an, so liegen ihr doch, dieses muss anerkannt werden, Ideen zu Grunde, die sich als fruchtbringend legitimirt haben. Je schwankender aber gewisse Grundlagen der neueren Theorien sind, um so nothwendiger erscheint es, neben ihren Lichtseiten auch ihre Schattenseiten und die mancherlei Bedenken, welche sie herausfordern, nicht zu verschweigen, sowie auf ihre Genesis zurückzugehen. Das biblische: „im Anfang war das Wort“ durch: „im Anfang war die Vierwerthigkeit des Kohlenstoffs“ zu parodiren, wie es hie und da geschieht, halte ich weder für geschmackvoll noch für zweckentsprechend. Ich betrachte es [VIII] als eine der Lichtseiten der modernen Chemie, dass sie aus dem Bestreben hervorgegangen ist, all das Vorhandene anknüpfend dieses tiefer zu begründen. Sie kann daher auch nur im Zusammenhange mit den älteren Entwickelungsstadien richtig verstanden und gewürdigt werden.

Diese Gesichtspunkte, die mich bei der Bearbeitung der vorliegenden Auflage leiteten, in Kürze darzulegen, war mir Bedürfniss. In der Auswahl des Gebotenen und in der Art der Darstellung folgte ich denselben Grundsätzen, die bei den früheren Auflagen mein Leitstern waren. Die sogenannten Structurformeln habe ich überall, wo es nöthig schien, vorangestellt, doch habe ich mich durch den Umstand, dass die typischen Formeln nicht mehr „modern“ sind, nicht abhalten lassen, sie da zu benutzen, wo sie sich, wie dieses bei Umsetzungsgleichungen häufig der Fall ist, durch gedrängtere Kürze und grössere Uebersichtlichkeit empfehlen.

Erlangen, im October 1872.

Der Verfasser.