[v. Gorup-Besanez: Lehrbuch der Physiologischen Chemie, 3. Auflage 1874, Seiten XI-XII]

 

VORREDE ZUR ZWEITEN AUFLAGE.

Die seit dem Erscheinen der ersten Auflage des vorliegenden Buches verflossenen Jahre haben auf dem Gebiete der physiologischen Chemie zahlreiche und zum Theil sehr wichtige Experimentaluntersuchungen gebracht, durch welche der Kreis der Thatsachen erweitert, neue Gesichtspunkte gewonnen, ältere vielfach berichtigt, aber andererseits auch wieder manche Dinge in Frage gestellt wurden, welche man der Controverse ein- für allemal entrückt glaubte. Auch an der unerquicklichen Erscheinung fehlte es dabei nicht, dass verschiedene Beobachter bei der Behandlung einer und derselben Frage zu geradezu entgegengesetzten Resultaten und Folgerungen gelangten, so dass in diesem Sinne die Doctrin ihr eigentliches Gepräge nicht verlor und der Typus ihrer Entwickelung derselbe blieb.

Nach den von mir im Vorwort zur ersten Auflage entwickelten Grundsätzen konnte daher bei der Bearbeitung der nun vorliegenden zweiten Auflage von einer wesentlich abweichenden Art der Behandlung nicht wohl die Rede sein, und sprachen gegen dogmatische Kürze und Gedrängtheit dieselben Gründe, die vor Jahren sich geltend machten. Meine Aufgabe bei der Bearbeitung der zweiten Auflage war es demnach nur, das neu gewonnene Material dem bereits erworbenen organisch einzufügen, an den schwankenden Theilen des Baues, morsch gewordene Stützen durch solidere zu ersetzen und was zu Schutt geworden, wegzuräumen. Ob es mir gelungen, diesen Postulaten in der rechten Weise gerecht zu werden, kommt mir zu entscheiden. nicht zu, doch gebe ich mich der Hoffnung hin, dass sachverständige und billige Richter in Anbetracht der Schwierigkeit der Aufgabe, die Mängel, nachsichtig beurtheilen und dem Verfasser das Zeugniss nicht versagen werden, dass er redlich bestrebt war, ein getreues Bild des gegenwärtigen Entwickelungsstadiums der physiologischen Chemie zu geben. Auch [xii] möge man dabei nicht vergessen, dass ich mir auch bei dieser Auflage die Beschränkung auf chemische, d. h. zu den Affinitätsgesetzen in Beziehung stehende Thatsachen grundsätzlich auferlegt habe. Mein Buch soll eine physiologische Chemie, aber keine chemische Physiologie sein. Die vielverheissende Einführung des Spectralapparates in die physiologische Chemie machte eine das Hämoglobin- und Häminspectrum versinnlichende Farbentafel nöthig, und obgleich ich die Beschreibung der bei den Untersuchungen benutzten experimentellen, häufig rein anatomisch- physiologischen Methoden im Allgemeinen grundsätzlich vermied, so machte ich doch bezüglich des Pettenkofer'schen Respirationsapparates eine Ausnahme, da er einerseits ein grossartiger chemischer Apparat ist und andererseits berufen scheint, in der ferneren Entwickelung der Ernährungslehre die Hauptrolle zu spielen. Die den Apparat erläuternden Tafeln sind nach den von Herrn Friedrich Seidel in der sogenannten isometrischen Projection nach der Natur entworfenen Originalzeichnungen in verjüngtem Maassstabe angefertigt.

Erlangen, im März 1867

Der Verfasser.