Nekrologe.

Eugen, Freiherr Gorup v. Besanez.

Die siebente Morgenstunde des 24. November 1878 war verhängnissvoll für die chemische Welt. Dieselbe raubte uns einen verdienten, geistvollen Forscher, einen hervorragenden Lehrer, liebenswürdigen, edeldenkenden Menschen, einen Mann von aecht deutscher Gesinnung, unseren unvergesslichen Gorup v. Besanez. In heiterster Stimmung, das Ziel seiner Wünsche, die nahe Vollendung des chemischen Laboratoriumsneubaues vor Augen, kehrte derselbe am 20. November zur gewohnten Abendstunde (gegen 5 Uhr) in seine Wohnung zurück, wo er in seinem Studirzimmer, an der Seite seiner Gattin plötzlich von einem Schlaganfalle überfallen wurde, der ihm das Bewusstsein raubte. Die Besinnung kehrte nicht wieder, nach 3 Tagen endete sein mühevolles, unermüdlich thätiges Leben.

Begleitet von sämmtlichen seinen Collegen, zahlreichen Schülern und Studirenden der Universität, sowie einer grossen Zahl Leidtragender aus den verschiedensten Ständen, wurde die irdische Hülle am 26. November 10 Uhr in die Erde versenkt, überhäuft mit Blumenspenden als Liebesgaben, mit Lorbeer, dem verdienten Manne vom Vertreter der Wissenschaft wie vom Schüler in dankbarer Vorehrung gewidmet.

Eugen Franz, Freiherr Gorup v. Besanez, Sohn des österreichischen Feldmarschalllieutenants und wirklichen Geheimrathes Franz Mathias Gorup v. Besanez, wurde zu Graz in Steiermark am 15. Januar 1817 geboren, wo derselbe auch seine humanistischen Studien auf dem dortigen Gymnasium begann. Im Sommer 1883 absolvirte er das Gymnasium zu Klagenfurt, um im Wintersemester 1836/37 die Universität Wien zu beziehen, wo er seine naturwissenschaftlichen Studien zum Zwecke der Vorbereitung für das von ihm gewählte Studium der Medicin begann. Nach zweijährigem Aufenthalte in Wien nahm ihn die italienische Musenstadt Padua auf zum Zwecke klinischer Studien unter Lippich's Leitung, die jedoch nach einem Semester wieder aufgegeben wurden, um in München unter Leitung von Walther, Gietl, Ringseis, Weissbrod, Strohmeyer u. s. w. das medicinische Studium zu vollenden. Als flotter Corpsstudent, wie als Studirender, erfüllte der strebsame Jüngling seine Pflicht mit grösstem Eifer. Im Jahre 1842 sehen wir ihn als Candidaten für das Examen pro gradu, das er „mit Auszeichnung” bestand, bald darauf wieder ein Semester in Wien zum Studium der pathologischen Anatomie und physikalischen Diagnostik, im Sommer 1843 abermals als Candidaten für die Ablegung der Proberelation bei dem Königl. Medicinalcomité in Bamberg, die er ebenfalls mit Auszeichnung bestand. In diesen Zeitpunkt fällt das Hervortreten seiner Neigung zur Chemie. Hatte der junge Doctor niemals grosse Lust zur praktischen Medicin und war er mit Vorliebe schon 1844 und 1845 literarisch thätig, indem er das Lehrbuch der medicinisch-chirurgischen und topographischen Antomie von Pétrequin aus dem Französischen übertrug (Erlangen, Ferd. Enke 1845), ferner über „Die Blutmischung bei Chlorose und Typhus” (Neue medic.-chirurg. Zeitung 1844) und über ,,Die Skepsis in der Medicin und die junge Wiener Schule“ (Rosen end Wunderlich's Archiv, 1844) schrieb, so waren es sicher im Sommer 1843 die Vorträge über physiologische und pathologische Chemie, welche derselbe bei dem damaligen Privatdocenten, jetzt Professor Dr. L. A. Buchner in München hörte, andererseits Liebig's epochemachendes Werk „Die Chemie in ihrer Anwendung auf Physiologie und Pathologie”, welche den Entschluss zur Reife brachten, auf dem Gebiete der physiologischen Chemie thätig zu sein. Wir finden daher den Verstorbenen im Sommersemester 1844 in dem Pharmaceutisch-chemischen Laboratorium von Hofrath Buchner in München unter specieller Leitung von Dr. L. A. Buchner, das er 4 Semester hindurch besuchte. Nachdem noch im Jahre 1844 die medicinische Staatsprüfung bestanden war und zwar mit vorzüglichem Erfolge (unter 65 Candidaten der zweite), war es das Gebiet der physiologischen Chemie, welches v. Gorup fesselte, ja bis zu seinem Lebensende von ihm mit Vorliebe und Erfolg cultivirt wurde. In Buchner's Laboratorium kamen neben kleineren Arbeiten: „Ueber die Natur der Ranulaflüssigkeit“ (Heller's Archiv, 1845); „Beiträge zur Constitution des Harnes bei Krankheiten” (Heller's Archiv, 1846); „Ueber ein eigenthümliches Verhalten des Albumins“ (ebendaselbst); „Analyse von Lungenconcretionen” (ebendaselbst); „Ueber das Vorkommen von Kupfer in der Galle und ein Verfahren zur Auffindung von Spuren dieses Metalls“ (Buchner's Repertorium, 1846), die in jeder Hinsicht beachtenswerthen Arbeiten über die Galle des Ochsen, des Schweines und des Menschen zur Ausführung, welche uns namentlich über die Produkte der Fäulniss der Galle aufklärten. Noch sind heute in der Sammlung des pharmaceutischen Instituts in München die grossen Taorinkrystalle, nebst den Choloïdinsäuremengen aufbewahrt, welche als die Produkte der Fäulniss damals gewonnen wurden.

Die ersten Resultate dieser Arbeiten theilte v. Gorup der chemischen Section der 23. Versammlung deutscher Naturforscher in Nürnberg mit; in einer grösseren Arbeit, die als Habilitationsschrift „Untersuchungen über die Galle“ 1846 diente, ist das Gesammtresultat über dieses Thema mitgetheilt. Im Sommersemester 1841 setzte v. Gorup seine chemischen Arbeiten unter Wöhler's Leitung in Göttingen fort, wo die Untersuchungen „Ueber den Kieselerdegehalt der Vogelfedern” sowie ,,Ueber die Zusammensetzung des Schleimhautepitheliums“ (Annalen der Chemie und Pharmacie, Bd. LXI, 1847) zum Abschlusse kamen.

Nach München zurückgekehrt, kam bald der Entschluss zur Reife, ermuntert durch Buchner, nach Erlangen überzusiedeln und zwar zum Zwecke der Habilitation an der medicinischen Facultät der Universität, welche den strebsamen, hoffnungsvollen Forscher, der in der physiologisch-chemischen Welt genügsam schon bekannt geworden war, mit Freuden aufnahm. Seine Probevorlesung handelte ,,Ueber das richtige Verhältniss der organischen Chemie zur Physiologie und Pathologie.”

Belastet mit den für den jungen Docenten im hohen Grade unangenehmen Sorgen um die Erhaltung eines Privatlaboratoriums, begann v. Gorup seine akademische Laufbahn im Wintersemester 1846/47 unter nicht gerade glänzenden Auspicien. Seine Lehrbegabung, seine rastlose Thätigkeit verschafften ihm jedoch bald die verdiente Anerkennung, indem am 25. April 1849 seine Anstellung zum ausserordentlichen Professor der organischen Chemie an der medicinischen Facultät erfolgte. Sechs Jahre später rückte der wohlverdiente Forscher und Lehrer endlich nach Kastner's Tode zum ordentlichen Professor der Chemie in der philosophischen Facultät vor (18. Mai 1855). Wohl können diese 9 Jahre der akademischen Laufbahn für den Dahingeschiedenen als die sorgenvollsten seines Lebens bezeichnet werden, Die Stürme des Jahres 1848 brachten ihn ebenfalls, wenn auch nur vorübergehend, in den Freiheitsstrudel hinein, jedoch wurde nie die Wissenschaft noch der Beruf vergessen.

Trost in manchem sorgenvollen Augenblicke fand aber v. Gorup stets in dieser Zeit bei seiner liebevollen Gattin, Rosalie Deuringer aus München, die er im Januar 1847 heimführte, und welche ihm bis zu seinem Tode ein glückliches Heim bereitete.

Seine wissenschaftlichen Arbeiten während dieser Periode bewegten sich ebenfalls vorwiegend auf dem Gebiete der physiologischen Chemie:

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Mit der Uebernahme der ordentlichen Professur begann auch eine neue Aera hinsichtlich der Arbeitsräume, die in jammervollem Zustande kaum dem strebsamen Forscher, der sich schon einen beachtenswerthen Schülerkreis gebildet hatte, eine Arbeitsstätte boten.

Facultät und Senat kamen, wenn auch etwas schwierig, endlich zur Ueberzeugung, dass bei dem Studium der Naturwissenschaften, speciell der Chemie, eine zweckentsprechende Arbeitsstätte vor Allem nothwendig sei. Der Neubau eines chemischen Laboratoriums wurde beschlossen, der noch 1855 begonnen, im Jahre 1858 vollendet da stand. Von dieser Zeit an erweiterte sich sichtlich der Schülerkreis. Kein Wunder! Der studirende Chemiker fand in v. Gorup vor Allem einen Mann mit begeisterter Lehrthätigkeit. die in seinen Vorträgen mit seltener Klarheit zu Tage trat, einen Laboratoriumvorstand von liebenswürdigem, anregenden Verkehre, von wohlthuender Aufopferung für seine Schüler. Die Friederico-Alexandrina, der bayrische Staat, lernten allmälig die Bedeutung des Verstorbenen kennen, dem Auszeichnungen und Anerkennungen der verschiedensten Art zu Theil wurden. Wiederholt wurde v. Gorup zum Prüfungscommissar für Realschulen ernannt, sowie für die Prüfungen für das naturwissenschaftliche Lehramt. Er war correspondirendes Mitglied der Akademien zu München und Göttingen.

Als Vorstand der pharmaceutischen Approbationsprüfungscommission, Vertreter der bayrischen Universitäten bei der Berathung über die jetzige pharmaceutische Staatsprüfung wirkte er segensreich. Das Vertrauen seiner Collegen berief ihn im Studienjahre 1874/75 zum Prorector der Universität. Auch das Ausland, für ihn die Heimat, wusste seine Bedeutung zu würdigen. Das Jahr 1873 brachte v. Gorup einen ehrenvollen Ruf nach Wien zur Uebernahme einer Professur für physiologische Chemie, dessen Ablehnung von Sr. Majestät dem König in dankbarer Anerkennung durch Verleihung des Civilverdienstordens der bayrischen Krone gewürdigt wurde. Schon im Jahre 1871 wurde v. Gorup mit dem Ritterkreuze I. Classe des Michaelsordens decorirt. Die Ablehnung dieses Rufes sicherte ferner die Erweiterung des Universitätslaboratoriums, dessen Vollendung er leider nicht mehr erleben konnte. v. Gorup war durch und durch Deutscher geworden. Sein deutsches Herz, das die Erfolge der Jahre 1870/71 mit Jubel begrüsste, konnte deutschen Boden nicht mehr missen. —

Wenden wir uns zu v. Gorup als Schriftsteller, so tritt uns in allen seinen Werken eine schlichte, knappe Darstellungweise entgegen, mit streng logischem Aufbau und ausserordentlicher Klarheit. die den wahrhaft gebildeten Geist unseres Denkers verrieth. Seine reiche Erfahrung auf physiologisch-chemisch-analytischem Gebiete berechtigte ihn, eine „Anleitung zur qualitativen und quantitativen zoochemischen Analyse“ zu schreiben, die in erster Auflage 1850 erschien, im Jahre 1854 eine zweite, im Jahre 1871 eine dritte erlebte.

Europäischen Ruf erwarb sich v. Gorup durch seine Lehrbücher der anorganischen, organischen und physiologischen Chemie, von welchen die beiden ersten sich mit vollem Rechte bei den Studirenden der Chemie, der Pharmacie und Medicin eine ausserordentliche Beliebtheit verschafften, das letztere als unentbehrliches Nachschlagebuch auf physiologisch-chemischem Gebiete grosse Verbreitung sich erwarb. Der eingehenden Kritik dieser vortrefflichen, Lehrbücher bedarf es kaum, wenn wir Zahlen sprechen lassen. Die „anorganische Chemie“ erschien in erster Auflage 1861, in sechster Auflage 1876, die ,,organische“ in erster Auflage 1862, in fünfter Auflage 1875, die ,,physiologische Chemie“ in erster Auflage 1863, in vierter Auflage 1878. Die siebente Auflage der „anorganischen Chemie“, sowie die sechste Auflage der „organischen Chemie“ waren in Vorbereitung, als er uns entrissen wurde.

Von kleineren Arbeiten ist noch zu nennen „Tafeln zur Typentheorie“ 1860. -

Erfüllt von der Bedeutung der Chemie für die erfolgreiche Entwicklung der medicinischen Forschung, für die Erklärung der physiologischen und pathologischen Vorgänge im Organismus, war sein Streben in seinem Forschen stets diesem Gedanken zugewendet. Wie seine ersten bedeutenden Arbeiten „die Chemie der Galle“ dem physiologischen Gebiete angehörten, so begegnen wir bei seinen letzten, werthvollen Mittheilungen „über die diastatischen und peptonbildenden Fermente“ demselben Gebiete. Mit Vorliebe, wie schon ganz richtig von Hoppe-Seyler in dessen kurzem Nekrologe (1) bemerkt wird, kehrte v. Gorup zu demselben Thema zurück. um neue Gesichtspunkte zu finden, die zur Klärung wissenschaftlicher Fragen beitragen können.

Wiederholt beschäftigte ihn die Chemie der Galle, die Entstehung und Wirkung des Ozones, die Wirkung der Fermente im Pflanzenreiche.

Sehen wir uns aber in dem reichlichen Materiale um, welches (der Uebersicht halber unten zusammengestellt) v. Gorup's und seiner Schüler Arbeiten zu Grunde lag, so finden wir Themata aus anorganischem, organischem, analytischem Gebiete, die synthetische Forschung ist vertreten, ein Beweis, dass sein Studium nie aufgehört hat, die bahnbrechenden Resultate der chemischen Synthese in den letzten 20 Jahren von ihm gewürdigt und aufgenommen worden sind. Dies beweisen nicht minder seine Lehrbücher der anorganischen und organischen Chemie, sowie seine Begeisterung für die glänzenden Resultate der synthetischen Forschung der Neuzeit, wovon der Verfasser bei dem persönlichen Vorkehre so oft Zeuge sein konnte.

Noch bleibt es endlich übrig, eines Theiles der Chemie zu gedenken, auf welchem sich v. Gorup grosse Erfahrung, nicht minder Verdienste erworben hat Es ist das Gebiet der gerichtlichen Chemie, welches ihn in Folge seiner Stellung als vieljähriger Beisitzer des königl. Medicinalcomités vielfach beschäftigte.

Nach vierunddreissigjähriger, unermüdlicher Mannesthätigkeit auf chemischem Gebiete ist Eugen Gorup v. Besanez dahingegangen.

Ein treues Andenken ist ihm gesichert.

Erlangen, im März 1879.         A. Hilger.

I. Wissenschaftliche Arbeiten Gorup v. Besanez’ seit dem Jahre 1856.

II. Dissertationen, welche unter v. Gorup's Leitung im chemischen Universitätslaboratorium zu Erlangen von dessen Schülern ausgeführt wurden.

 


(1) Zeitschrift für physiologische Chemie 1878, Bd. II.