Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft, Jahrgang V (1872), Seiten 1-4.
Sitzung vom 8. Januar 1872 [= No. 1, Eingegangen am 25. Dec. 1871; verlesen in der Sitzung von Hrn. Wichelhaus.]
 

F. A. Flückiger:

Ueber das Vorkommen des Pyrocatechins im Kino.

Hrn. Prof. v. Gorup-Besanez verdanken wir die interessante Beobachtung, dass die herbstlichen Blätter der canadischen Rebe, Ampelopsis hederacea Michaux, Pyrocatechin enthalten. In seiner bezüglichen Mittheilung (diese Berichte IV. 906) erinnert der Verfasser [2] daran, dass Eissfeldt schon 1854 (1) aus malabarischem Kino etwas Pyrocatechin erhalten hat, schliesst sich aber der Muthmassung des letztern an, dass dieser Körper erst bei der Darstellung des Kino in hoher Temperatur entstehen müsse, wie denn überhaupt die Gewinnung des malabarischen Kinos von Pterocarpus Marsupium Roxburgh nicht aufgeklärt sei. Einen fernern Grund gegen die Präexistenz des Pyrocatechins in den verschiedenen Kino genannten Droguen überbaupt erblickt v. Gorup-Besanez in Eissfeldt's Angabe, dass er vermittelst Aether dem Kino der Butea frondosa Roxburgh kein Pyrocatechin zu entziehen vermocht habe.

Ich erlaube mir dagegen, einige Thatsachen vorzuführen, welche meiner Ansicht nach dafür sprechen, dass das Pyrocatechin im Kino unter Umständen vorkommt, welche schliessen lassen, es sei schon in den Mutterpflanzen selbst vorhanden.

1) Vor allen Dingen vermisse ich eine Bestätigung der Behauptung, dass bei der Darstellung des Kino's eine hohe Temperatur angewendet werde.. Alle wohlunterrichteten Schriftsteller, die mir zugänglich sind (2), geben im Gegentheil an, dass jene Arbeit einfach darauf beruht, den durch Einschnitte in den Stamm gewonnenen Saft einzukochen. Es handelt sich also nur um Temperaturen, welche 100° nicht erheblich übersteigen dürften, nicht um die hohen Temperaturen, welche bei trockener Destillation die Bildung des Pyrocatechine aus den verschiedenen Rohmaterialien veranlassen können.

Bei einigen Sorten Kino wird aber auch das Einkochen nicht einmal angewendet. Das hiernach unter Nr. 4 und Nr. 5 erwähnte Butea-Kino z. B. besteht aus runden oder birnförmigen Körnern, sogenannten Thränen, die offenbar nur durch freiwilliges Trocknen des am Baume herabträufelnden Saftes entstehen konnten; auch sind sie von Stückchen der Butter begleitet.

2) Das zuerst nach Europa gelangte Kino wurde durch Fothergill 1757 vom Gambia gebracht und stammte von Ptarocarpus erinaceus Lamarck. Davon besitze ich eine von Hrn. Daniell während seines Aufenthaltes in jenen Gegenden (Sierra Leone) gesammelte Probe. An Aetber giebt dieses senegambische Kino eine geringe Menge einer Substanz ab, welche in wässeriger Lösung durch verdünntes Eisenchlorid grasgrün gefärbt wird; Kalkwasser ändert die Farbe in roth um. Diese Substanz ist also wohl für Pytocatechin zu halten.

3) Von Pterocarpus Marsupium bewahre ich eine Probe auf, welche dem India Museum in London geliefert wurde vom Director [3] der Chinapflanzungen auf der Malabarküste, Herrn Mac Ivor, demnach wohl ebenfalls eine authentische Probe, welche übrigens von der vorigen gar nicht zu unterscheiden ist. Gepulvert und mit Aether ausgezogen giebt dieses malabarische Kino ebenfalls die gleiche Reaction des Pyrocatachins.

4) Das Kino der Butea frondosa, eine von dem Pterocarpus-Kino ganz: verschiedene Substanz, besitze ich sehr schön von Herrn Moodeen Sheriff in Madras. Bei 100° getrocknet giebt es an kaltes Wasser 83,8 pCt. ab, wovon 46 pCt. der Kinogerbsäure angehören, der Rest einer Schleimart. Ziehe ich dieses fein gepulverte Kino mit Aether aus, so bleibt nach dessen Verdunstung ein unbedeutender Rückstand, der mit wenig Wasser aufgenommen mikroskopische Krystalle anschiessen lässt, die namentlich im polarisirten Lichte sehr deutlich hervortreten. Ich konnte zu diesem Versuche nur ungefähr 5 Gramm Kino verwenden, so dass die Menge der Kryställchen sehr unbedeutend ausfiel. Ihre wässerige Lösung gab mit einer Spur Eisenchlorid ein rein und satt grüne Färbung, die sich im Laufe eines Tages kaum veränderte, und sich dann selbst nach dem Eintrocknen durch Wasser wieder mit grüner Farbe aufweichen liess. Kalkwasser färbte sie sofort roth. Ich denke auch diese Kryställchen für Pyrocatechin halten zu dürfen.

5) Eine noch schönere Probe des Butea-Productes, von Dr. Newton in Madras, löst sich in kaltem Wasser bis auf einen geringen, häutigen Rückstand. Wird die Gerbsäure mit Bleizucker gefällt, so giebt neutrale Bieacetatlösung in dem concentrirten Filtrate keinen weiteren Niederschlag, wohl aber entsteht durch Alkohol ein solcher in reichlicher Menge. Die in Wasser gelöste, durch Bleizucker nicht gefällte Substanz dürfte daher dem Arabin nahe stehen. Ich habe dieselbe deswegen hervor, weil ihre Gegenwart in dem Kino unvereinbar ist mit der Annahme, dasselbe sei einer Temperatur ausgesetzt gewesen, wie sie bei der trockenen Destillation eintritt.

Den Bleiniederschlag zersetzte ich unter Wasser mit Schwefelwasserstoff, verdunstete und zog das zurückbleibende, braune Pulver mit Aether aus, wodurch das gleiche Resultat erzielt wurde wie sub 4.

6) Die sogenannten Gummibäume Australiens geben Exsudate und Extracte, welche mit dem Pterocarpus-Kino die Kinogerbsäure gemein zu haben scheinen. Wiesner hat unlängst (3) 16 verschiedene derartige Producte characterisirt und erklärt ebenfalls Pyrocatechin als einen wahrscheinlich nie fehlenden Bestandtheil derselben.

Die Summe dieser Thatsachen spricht, wie mir scheint, dafür, dass das Pyrocatechin aus den genannten Stammpflanzen in das Kino [4] gelangte; ich werde trachten, die Frage in der Heimath der letztern selbst lösen zu lassen.

Sind die vorstehenden Bemerkungen richtig, so wäre das Pyrocatechin nachgewiesen in den Familien der Ampelideen (Ampelopsis), Papilionsceen (Marsupium, Butea) und Myrtaceen (Euca1yptus); es ist wohl anzunehmen, dass es sich bei genauerer Prüfung noch weiter verbreitet zeigen wird.

Die zu meinen Versuchen benutzten Proben von Kino verdanke ich der Gefälligkeit meines Freundes D. Hanbury Esq. F. R. S. in London.

Bern, December 1871.


(1) Ann. d. Ch. und Pharm. 92. 101.
(2) Z. B. Pereira, Materia medica II. part. 2 (1857) 825; Boyle-Headland, Materia medica. 1865. 895 ; Pharmacopoeia of India 1868 p. 70.
(3) Zeitschrift des österreichischen Apotheker-Vereins 1871. 499.