Berichte der dt. chem. Ges., 1871, 905-906

264. E. v. Gorup-Besanez:

Brenzkatechin, Bestandtheil einer lebenden Pflanze.

(Eingegangen am 27. Novbr.; verlesen in der Sitzung von Hrn. Wichelhaus.)

Als ich im Verlaufe einer chemischen Untersuchung der (grünen) Blätter vom Ampelopsis hederacea (sog. wilder Wein) das durch Zersetzung des Bleizuckerniederschlags mit Schwefelwasserstoff erhaltene Filtrat mit Kalkmilch neutralisirte, beobachtete ich das Auftreten einer zuerst rein grünen, dann grünbraunen, endlich fast schwarzen Färbung, die noch dunkler wurde, als das Filtrat vom. Chlorcalciumniederschlage verdunstet wurde. So aber verhalten sich zu Kalkwasser Lösungen von Brenzkatechin. In der That gelang es mir, aus den Anfangs September d. J. gesammelten Blättern einen Körper zu isoliren, der nach seinem Verhalten kaum etwas anderes sein konnte, wie Brenzkatechin. Derselbe war in Wasser, Alkohol und Aether löslich, seine wässerige Lösung wurde durch Bleizucker gefällt, reducirte Kupfer- und Silberlösung bei gelindem Erwärmen, gab mit oxydhaltiger Eisenvitriollösung eine olivengrüne und mit einer verdünnten Auflösung von Eisenchlorid eine sehr smaragdgrüne Färbung, die auf Zusatz eines Tropfens einer verdünnten Lösung von Natriumbicarbonat in ein reines Violet überging. Ein Tropfen der wässerigen Lösung endlich auf dem Objectträger verdunstet., schied wohlausgebildete, mikroskopische Krystalle von dem Habitus der Brenzkatechinkrystalle aus.

Leider war die aus etwa 2½ Kilo der Blätter erhaltene Menge des Körpers zu gering, um weitere Versuche, so namentlich einen Sublimationsversuch damit anstellen zu können, doch dürften die angegebenen Reactionen genügen, um das Vorhandensein von etwas [906] Brenzkatechin in den Blättern des wilden Weines ausser Zweifel zu setzen.

Meines Wissens ist dieser aromatische Körper noch niemals in einer lebenden Pflanze nachgewiesen. Eisfeldt (1) hat ihn zwar im malabrischen Kino aufgefunden. Da aber die Gewinnung dieser Drogue keinesfalls völlig aufgeklärt ist, so war durch den Nachweis desselben in der genannten Drogue sein Vorkommen in der lebenden Stammpflanze (Pterocarpus marsupium) keineswegs dargethan. Eisfeldt selbst hat, da er Brenzkatechin im Butea-Kino nicht auffinden. konnte, die Vermuthung ausgesprochen, dass bei der Bereitung des Kino malabricum eine sehr hohe Temperatur angewendet werde, demnach aus seiner Beobachtung nicht auf das Vorkommen des Brenzkatechins in der lebenden Pflanze, sondern vielmehr auf seine Bildung durch Hitze geschlossen.

Heute, wo wir durch Hoppe-Seyler (2) wissen, dass Brenzkatechin sich aus Kohlehydraten durch Erhitzen mit Wasser unter starkem Drucke ebensowohl, wie durch Behandlung mit Alkalien bilden kann, dürfte das Vorkommen desselben in Ampelopsis hederacea einiges physiologisches Interesse um so eher beanspruchen, als ich in der genannten Pflanze neben Brenzkatechin, Kaliumbitartrat, Calciumtartrat und freier Weinsäure, Gummi und eine nicht unerhebliche Menge gährungsfähigen Zuckers nachwies, der sich als Invertzucker oder richtiger als ein Gemenge von Levulose und Dextrose mit Ueberwiegen des ersteren charakterisirte.

Die Gegenwart einer mit Eisenchlorid sich grünenden Substanz in den Blättern des wilden Weins wurde vor vielen Jahren schon von Wittstein (3) beobachtet.

Erlangen, 26. November 1871.


(1) Ann. Chem. u. Pharm. Bd. XCII. 101.
(2) Medicin. chem. Untersuch. 1871. 4. S. 586.
(3) Buchn. Repert. d. Pharm. [2.] Bd. 46. S. 317.