[Berichte der dt. chem. Gesellschaft, 1871, 477-478]

 

142. Zur Abwehr.

(Eingegangen am 17. Mai.)

 

Hr. Ladenburg hat in Nr. 6, S. 347 dieser Berichte eine im Märzhefte der Ann. Chem. Pharm. veröffentlichte Abhandlung von Dr. Ferd. Grimm zum Gegenstande einiger Bemerkungen gemacht, welche den Unterzeichneten, in dessen Leboratorium die Versuche ausgeführt wurden, zu einer Erwiderung nöthigen.

Hr. L. wirft uns vor, wir hätten über Friedels Untersuchung der Ketone ein unbegründetes Urtheil gefällt, und wir hätten behauptet, der genannte Chemiker habe von dem Methylbutyryl „ausser dem Siedepuncte“ so gut wie gar nichts mitgetheilt. Nun ist aber von den Untersuchungen Friedels über die Ketone überhaupt in der ganzen Abhandlung Grimms mit keiner Sylbe die Rede; von dem Methylbutyryl dagegen heisst es dort, dass es Friedel auf demselben Wege gewann, wie Grimm sein Propylmethylketon, es wird als dem letzteren isomer bezeichnet, sonach implicite gesagt, dass es von Friedel analysirt wurde und es werden endlich die Producte besprochen, die Friedel bei der Behandlung seines Methylbutyryls mit nascirendem Wasserstoff erhalten hatte. Dass wir demnach nicht der Meinung sein konnten, Friedel habe von seinem Product. „ausser dem Siedepuncte“ so gut wie gar nichts mitgetheilt, liegt doch auf der Hand. Dies ist übrigens auch gar nicht der Wortlaut des Hrn. L. Anstoss gebenden Satzes. Es heisst nämlich dort nach der Zusammenstellung der über die fraglichen Isomeren bekannten Thatsachen und nach der Erwähnung der abweichenden Siedepunkte: „Was übrigens die sonstigen Eigenschaften des Methylbutyryls betrifft, so hat Friedel darüber so gut wie gar nichts mitgetheilt.“ Für Jeden, der unbefangen liest, kann es keinen Augenblick zweifelhaft sein, dass unter den „sonstigen“ Eigenschaften nur solche gemeint sein konnten, die nicht .bereits Erwähnung gefunden. hatten und zur Erklärung der Isomerie hätten verwerthet werden können.

Noch weniger glücklich ist Hr. Ladenburg mit einem zweiten, gegenwärtig besonders schwerwiegenden Vorwurf, den er uns zu machen sich veranlasst sieht, nämlich dem „wir hätten diese Arbeit benutzt, um eine ganze Nation, welche unbestreitbare Leistungen auf allen wissenschaftlichen Gebieten aufzuweisen hat, der Oberflächlichkeit anzuklagen.“ Ich dächte, man sollte sich doch zweimal besinnen, eine solche Beschuldigung zu erheben, wenn man sie nicht besser begründen kann, wie Hr. Ladenburg. Hr. L. verweist nämlich den Leser zur Begründung seines Vorwurfs einfach auf S. 254 der Abhandlung, ohne. die betreffende Stelle selbst anzuführen. Wir haben aber, um die völlige Haltlosigkeit des Vorwurfs darzulegen, nichts weiter zu thun, als die [478] angezogene Stelle, die einzige, die Herr L. meinen konnte. wörtlich anzuführen. Sie lautet: „Bei der Behandlung des Methylbutyryls mit nascirendem Wasserstoff erhielt er (Friedel) einen zwischen 120 und 123° siedenden secundären Alcohol, von dessen Eigenschaften er leider nach der jenseits der Vogesen häufigen Gepflogenheit nur äusserst Weniges und Fragmentarisches angiebt.“ Wir überlassen die Entscheidung darüber, ob sich aus diesem Satze die von Herrn Ladenburg erhobene Beschuldigung rechtfertigen lässt, getrost jedem Unbefangenen. Ich meinerseits weise sie als eine grundlose mit aller Entschiedenheit zurück. Ich bin mit bewusst, die grossen Verdienste französischer Chemiker um unsere Wissenschaft zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit anerkannt und wo es galt, aufs Wärmste vertreten zu haben, und ich bin nicht unwissend genug, um die Leistungen der Franzosen auf anderen wissenschaftlichen und literarischen Gebieten zu verkennen. In diesen meinen Ueberzeugungen gedenke ich mich auch in Zukunft nicht beirren zu lassen.

Erlangen, 1. Mai 1871.

v. Gorup-Besanez.