Annalen der Chemie und Pharmacie, Bd. 59 (1846), S. 129-159

 

ANNALEN
DER
CHEMIE UND PHARMACIE.

LIX. Bandes zweites Heft.

 

Untersuchungen über Galle;

von Med. Dr. E. Freiherrn von Gorup-Besanez.

Nachstehende Untersuchungen, auf Anregung und unter Leitung meines verehrten Freundes, Privatdocenten Dr. L. A. Buchner, im pharmaceutisch-chemischen Laboratorium zu München angestellt, und ein Theil einer größeren Arbeit über die Galle, die mich anderthalb Jahre beschäftigte, zerfallen in drei Abschnitte.

Der erste enthält meine Beobachtungen über die freiwillige Zersetzung der Ochsengalle; der zweite die über die chemische Constitution der Menschengalle und die Zusammensetzung des Gallenblasenschleims, und der dritte einige Beobachtungen über Schweinsgalle.

 

I. Ueber die Producte der freiwilligen Zersetzung der Ochsengalle.

In neuerer Zeit hat man angefangen, den sogenannten freiwilligen, durch Gährung oder Contactwirkung eingeleiteten Zersetzungen organischer Körper sowohl, als auch den durch chemische Agentien, höhere Temperaturgrade etc. bewirkten, mehr Aufmerksamkeit zu schenken, und ist auf diesem Wege bereits zu sehr werthvollen entscheidenden Resultaten über die Natur [130] und Constitution organischer Verbindungen gelangt. Es genügt, in dieser Beziehung an den Harnstoff zu erinnern.

Auch auf das chemische Studium der Galle hat dieses Princip schon theilweise Anwendung gefunden. Es ist nämlich die Zersetzung der Ochsengalle durch Säure und Alkalien vor einigen Jahren von Demarçay und später von Theyer und Schlosser gründlich studirt worden. Demarçay fand, daß bei fortgesetzter längerer Einwirkung von Salzsäure auf Galle, vier Producte auftreten: Choleïnsäure, Choloïdinsäure, Chlornatrium und Taurin. Durch Einwirkung von Alkalien zerfiel die Galle in eine stickstofffreie krystallisirte Säure: Cholsäure und Ammoniak. Die Untersuchungen von Theyer und Schlosser führten im Wesentlichen zu denselben Resultaten, nur erhielten diese Herren bei der Analyse der Choloïdinsäure 1 pC. Kohlenstoff weniger wie Demarçay.

Es lag nun aber die Frage sehr nahe, welche die Producte der freiwilligen Zersetzung der Galle seyen, und welche Rolle dabei der Gallenblasenschleim übernimmt. Die Galle erleidet bekanntlich, wie alle thierischen Flüssigkeiten, bald nach ihrem Austritt aus dem Organismus Veränderungen, die mit dem Namen Fäulniß bezeichnet werden. Ueber den näheren Vorgang bei diesen Veränderungen, über die dabei auftretenden Producte aber ist bisher, außer einigen Versuchen von Berzelius, nichts Näheres bekannt geworden, und ich machte mir deßhalb die Beantwortung dieser jedenfalls nicht uninteressanten Frage zur Aufgabe.

Um die bei der freiwilligen Zersetzung der Ochsengalle auftretenden Erscheinungen genau beobachten zu können, verfuhr ich in folgender Weise :

1) Der Gehalt von 5—6 Gallenblasen wurde in ein weites Glas fließen gelassen und bei einer Temperatur von 25—30° R. unter Luftzutritt sich selbst überlassen.

2) 20 Grm. Reines gallensaures Natron (von Schleim, [131] Farbstoffen und Fetten befreite Galle) wurden in 12 — 14 Unzen Wassers gelöst und etwas Darmschleim aus dem Duodenum eines frisch geschlachteten Kalbes zugesetzt. Die so behandelte Lösung, deren ursprünglich neutrale Reaction nach dem Zusatz des Darmschleims in eine schwach alkalische übergegangen war, wurde nun unter denselben Verhältnissen wie oben, ebenfalls sich selbst überlassen.

3) Endlich wurde eine Lösung von gallensaurem Natron ohne Schleimzusatz bei Digestionswärme der Einwirkung der Atmosphäre ausgesetzt.

Bei allen Proben wurde für Erneuerung des verdunstenden Wassers Sorge getragen.

Nach Verlauf von zwei bis drei Tagen, während welcher Zeit sich durchaus keine merkliche Veränderung zeigte und der Geruch keine eintretende Fäulniß zu erkennen gab, verwandelte sich die ursprünglich dunkle Farbe der gemeinen Galle in eine schmutzig braune, und zugleich bildete sich an der Oberfläche der Flüssigkeit ein gelbgrünliches Häutchen, welches in dem Maße, als die Zersetzung fortschritt, zu Boden sank, aber immer wieder durch ein neues ersetzt wurde. Dieses Häutchen, mikroscopisch untersucht, zeigte zahlreiche Pigmentmolecüle, grauliche Granulationen (wahrscheinlich eigenthümliche Pilse), einzelne Kochsalzkrystalle und unzählige längliche, sich sehr träge bewegende Infusorien (Vibrionen). Die Galle wurde nun mit einem Gasauffangungsapparate in Verbindung gesetzt, nach zwei Tagen hatte sich aber noch keine Spur von Gas angesammelt. Sonach wurde sie wieder unter den vorigen Verhältnissen sich selbst überlassen, wobei ihr faulig gewordener Geruch immer mehr zunahm, und nach ungefähr drei Wochen die früher neutrale Reaction endlich in eine alkalische überging. Unter dem Mikroscope konnten nun keine lebenden Infusorien mehr entdeckt werden, dagegen aber eine äußerst große Menge von zierlichen [132] Kochsalzkryställchen und größere Krystalle von phosphorsaurer Ammoniakmagnesia.

Nun wurde die so veränderte Galle im Wasserbade eingedampft und zur Entfernung des modificirten Schleims mit starkem Alkohol ausgezogen; es blieb eine mißfarbig grauliche, schmierige Masse zurück, die, unter dem Mikroscop untersucht, amorphes granulirtes Gerinnsel zeigte, zwischen dem sehr zahlreiche, ziemlich große, schöne, durchsichtige, sechs- und vierseitige prismatische Krystalle gleichsam eingeschlossen waren, die sich in Wasser lösten. Der Schleim wurde mehrmals mit kaltem Wasser ausgezogen, wobei er sich, außer einigem Aufquellen, nicht weiter veränderte, das wässerige schaumige Filtrat concentrirt, etwas starken Alkohol zugesetzt und zum Krystallisiren hingestellt. Die erhaltenen Krystalle wurden durch wiederholtes Auflösen in Wasser und Umkrystallisiren vollkommen rein dargestellt.

Diese Krystalle waren farblos, durchsichtig, mit spiegelnden Flächen und stellten sechsseitige Prismen mit schiefer Zuspitzung dar. Sie krachten zwischen den Zähnen, waren geschmacklos, lösten sich leicht in Wasser und reagirten in der wässerigen Lösung nicht auf Pflanzenpapiere. Auf dem Platinblech erhitzt, blähten sie sich auf, bräunten sich, schmolzen unter Ausstoßung von thierisch brenzlich riechenden Dämpfen und hinterließen eine voluminöse, ziemlich schwer zu verbrennende Kohle, aber keine Asche. Mit kohlensaurem Natron geglüht, entwickelte der Rückstand, mit Säuren übergossen Schwefelwasserstoff. In Alkohol waren sie unlöslich, löslich in Salpetersäure.

Die Krystalle wurden bei 100° C. getrocknet und mit Rücksichtnahme auf den kürzlich von Redtenbacher entdeckten Schwefelgehalt des Taurins der Elementaranalyse unterworfen.

0,229 Grm. Substanz gaben, mit chromsaurem Blei verbrannt 0,159 CO2 und 0,118 HO. [133]

0,331 Grm. Substanz gaben, mit Natronkalk geglüht, 0,601 Grm. Platinsalmiak und 0,263 Grm. metallisches Platin = 11,45 und 11,32 pC. Stickstoff.

Zur Bestimmung des Schwefels wurde eine gewogene Menge der Substanz in einer Glasröhre, nach Art der Elementaranalysen, mit einem Gemenge von kohlensaurem Baryt und Salpeter geglüht und dann mit verdünnter Salzsäure ausgezogen. Aus der erhaltenen Menge des schwefelsauren Baryts wurde der Schwefelgehalt berechnet.

0,2985 Grm. Substanz gaben 0,573 Grm. schwefelsauren Baryt = 26,48 pC. Schwefel.

Hieraus ergiebt sich (Atomgewicht des C = 75) folgende procentische Zusammensetzung

Kohlenstoff

18,92

Wasserstoff

5,77

Stickstoff

11,32

Schwefel

26,48

Sauerstoff

37,51

 

100,00

Nehmen wir das zur Zeit der Untersuchungen des Taurins von Demarçay und Dumas übliche Atomgewicht des Kohlenstoffs an (76,437), so erhalten wir 19,20 C, was mit Demarçay's Zahlen vollständig übereinstimmt.

Ein früherer Versuch der Schwefelbestimmung gab 25,46 pC. Schwefel; da das Glühen hier aber im Platintiegel vorgenommen wurde, wo leicht ein Verlust durch Verspritzen, trotz des aufgesetzten Deckels, möglich war, so halte ich obige Bestimmung für die richtigere (133).

Der alkoholische Auszug der gefaulten Galle wurde durch [134] Knochenkohle vollständig entfärbt und nach Abdestillirung des Alkohols mit kleinen Portionen Aether geschüttelt, welcher außerordentlich lange etwas, und allem Anschein nach mehr aufnahm, wie aus ungefaulter Galle. Die gesammelte ätherische Lösung hinterließ, nachdem der Aether abdestillirt war, eine nicht unbedeutende Menge eines fettigen braunen, stark sauer reagirenden Magma's, welches nach Fischthran roch und mit Wasser behandelt, davon milchig getrübt wurde, während der obenerwähnte fischthranartige, äußerst heftige Geruch, nach längerer Behandlung des Magma's mit warmem Wasser, merkwürdigerweise verschwand und in den nicht unangenehmen ambra- oder moschusartigen überging, welchen ich schon öfter an frischer Rindsgalle, bei der Destillation derselben mit Wasser, beobachtet hatte, und auf den Gmelin schon aufmerksam machte. Dieses riechende Princip wird, wie ich mich überzeugte, weder durch Säuren, noch durch Alkalien zerstört, von Aether aber aufgenommen. Bemerkenswerth ist ferner der Umstand, daß, wenn frische Ochsengalle destillirt wird, das wässerige, klare, geschmacklose, vollkommen neutrale, gegen Reagentien indifferente Destillat durch Stehen an der Luft den erwähnten Moschusgeruch in immer höherem Grade annimmt.

Des Wasser, womit der Aetherrückstand behandelt worden war, gab, der Destillation unterworfen, ein opalisirendes, mit einem Häutchen bedecktes moschusartig riechendes Destillat, während in der Retorte eine schmierige fettige Masse zurückblieb.

Der Aetherrückstand löste sich leicht in Alkohol, ebenso in Ammoniak, fast gar nicht aber in Wasser. Die alkoholische Lösung reagirte stark sauer und setzte beim Erkalten Krystalle von der Form sternförmig zusammengesetzter Nadeln ab, die alle Eigenschaften der Margarinsäure besaßen. Unter dem Mikroscope beobachtete man nach dem Verdunsten des Tröpfchens schöne sternförmig zusammengefügte Margarinsäurekrystalle und unregelmäßige ranzige Fettanhäufungen, die durch Aneinander-[135]-reihung von Fettkugeln gebildet zu seyn schienen. Die ammoniakalische Lösung wurde durch Chlorbarium gefällt. Die erhaltene Menge des Barytsalzes war jedoch zu gering, um zu entscheiden, ob dasselbe eine Verbindung von einer jener Säuren sey, die Berzelius durch eine ähnliche Behandlung gefaulter Rindsgalle erhalten und mit den Namen Fellinsäure und Fellansäure bezeichnet hat. Der Aetherrückstand war jedenfalls ein Gemenge von mehreren fetten Säuren, und nach den schönen Beobachtungen Redtenbacher's, über die Zersetzung der Choloïdinsäure durch Salpetersäure, scheint es wie bei der so großen Menge durch Aether ausziehbaren Stoffe, die zu jener der Fette in frischer Galle in gar keinem Verhältnisse stand, sehr wahrscheinlich, daß auch die Quelle dieser fetten Säuren nicht ausschließlich in den ursprünglich der Galle beigemischten Fetten, sondern vielmehr in einer weiteren Zersetzung der Galle zu suchen sey. Ein näheres Studium dieses Gegenstandes wäre keineswegs uninteressant.

Die von Schleim und Taurin getrennte, entfärbte und von den in Aether löslichen Stoffen befreite, gefaulte Galle, verhielt sich in verdünnter wässeriger Lösung gegen Reagentien folgendermaßen :

Reaction schwach alkalisch;

Essigsäure bewirkte einen voluminösen, weißen, pflasterartigen, sich bald zu Boden setzenden Niederschlag; ebenso Oxalsäure, Salzsäure und Schwefelsäure. Außerdem wurde die Lösung gefällt von Bleizucker, Bleiessig und salpetersaurem Silberoxyd.

Die von Dr. Pettenkofer angegebene Gallenprobe: Zucker und Schwefelsäure, gab eine dunkelviolettrothe Färbung.

Bekannt ist es, daß frische Rindsgalle durch Pflanzensäuren und andere schwache Säuren nicht gefällt wird, andererseits giebt aber auch Berzelius schon an, daß gefaulte Galle durch verdünnte Säuren präcipitirt werde.

Die wässerige Lösung wurde nun mit Essigsäure vollständig [136] ausgefällt, der entstandene weiße, schwere, pflasterartige Niederschlag mit oft erneuertem Wasser, welches längere Zeit milchig getrübt wurde, im Gefäße selbst gut durchgeknetet, nachdem er starr und pulverig geworden war, auf einem Filtrum gesammelt und mit Wasser so lange ausgewaschen, als das Filtrat mit Kali noch Ammoniak entwickelte. Dann wurde er getrocknet, in Alkohol gelöst, filtrirt, nochmals mit Thierkohle entfärbt und wieder zur Trockne gebracht. Er stellte so eine weiße, spröde, bitterschmeckende Masse dar, die sich leicht zu einem blendendweißen, feinen, die Schleimhaut der Luftwege sehr reizenden, elektrischen Pulver zerreiben ließ. Die anfängliche teigartige, knetbare Masse, die in der Digestionswärme noch weicher wird, beim Erkalten aber erstarrt, schmilzt, einmal vollständig getrocknet, erst über 100° C. Sie ist in Wasser und Aether fast unlöslich, leichtlöslich in Alkohol, sowohl kaltem als warmem, und reagirt in der alkoholischen Lösung deutlich sauer. In Kali löst sie sich vollständig, in Ammoniak aber nicht ganz, denn es bleiben am Boden des Gefäßes kleine, harzige Tröpfchen ungelöst zurück. Wird die ammoniakalische Lösung gekocht, so trübt sie sich milchig durch Ausscheidung eines feinen Niederschlags, der sich aber auf Zusatz von etwas Ammoniak wieder auflöst. Sowohl ein Ueberschuß von Ammoniak, als auch von Wasser aber bewirken abermals einen feinen pulverigen Niederschlag. Es ist dieß ein Verhalten, welches der Cholansäure von Berzelius zukömmt; die Menge des Niederschlages war jedoch zu gering, um entscheidende Versuche damit anstellen zu können. Die alkoholische Lösung treibt die Kohlensäure aus kohlensauren Alkalien bei gelinder Wärme aus. Mit Natronkalk geglüht, giebt der Körper kein Ammoniak, und mit salpetersaurem Kali und kohlensaurem Baryt geglüht, keinem schwefelsauren Baryt, enthält mithin keinen Stickstoff und keinen Schwefel. Auf dem Platinblech erhitzt, bräunte er sich, schmolz unter Ausstoßung weihrauchähnlich riechender Dämpfe, brannte [137] mit rußender Flamme und hinterließ eine aschenfreie, ziemlich schwer verbrennliche Kohle.

Das zum Auswaschen des Niederschlags verwendete Wasser, welches, wie bereits erwähnt, dadurch längere Zeit milchig getrübt wurde, ward mit der durch Essigsäure ausgefällten Gallenlösung vereinigt und zur Trockne gebracht. Es blieb ein verhältnißmäßig unbedeutender, lichtgelber, stark bitter schmeckender Rückstand, der sich in Wasser und Alkohol vollständig löste. Die wässerige Lösung gab mit Zucker und Schwefelsäure eine schöne, tiefviolette Färbung. Mit Kali entwickelte sich deutlich Ammoniak, wie denn auch das Aussüßwasser aus dem Niederschlage lange Zeit durch Kali nachweisbares Ammoniak aufnahm. Vier und zwanzig Stunden stehen gelassen, zeigte die wässerige Lösung unter dem Mikroscop Pilze, die jenen vollkommen ähnlich waren, die sich in gährenden Zuckerlösungen finden und viele Fermentkugeln. Nach dem Verdunsten des Tröpfchens beobachtete man zahlreiche Salmiakkrystalle, schöne Würfel von Kochsalz und Nadeln von essigsaurem Natron. Die Lösung wurde concentrirt und zum Krystallisiren hingestellt; es krystallisirte Kochsalz und etwas essigsaures Natron. Der durch Essigsäure nicht gefällte Theil der gefaulten Galle bestand sonach aus einem geringen Antheil noch unzersetzter Galle, Kochsalz, Salmiak und essigsaurem Natron.

Der durch Essigsäure erzeugte Niederschlag wurde bei 120° C. getrocknet und der Elementaranalyse unterworfen; mit chromsaurem Bleioxyd verbrannt, gaben :

I.

0,378

Grm.

Substanz

1,005

CO2

und

0,333

HO.

II.

0,219

»

»

0,586

»

»

0,1945

»

 Hieraus berechnet sich (C = 75), folgende procentische Zusammensetzung :

 

I.

II.

Kohlenstoff

72,51

72,97

Wasserstoff

9,78

9,86

Sauerstoff

17,71

17,17

 

100,00

100,00

[138] Aehnliche Erscheinungen, wie bei der Fäulniß der Rindsgalle selbst, traten bei der sich selbst unter gleichen Bedingungen überlassenen, mit Darmschleim versetzten Lösung von gallensaurem Natron auf. Die Gährung begann hier unter Entwicklung des mehrerwähnten ambraartigen Geruches nach ungefähr zwei bis drei Tagen; bald darauf fing die Lösung an, sich zu trüben und es bildete sich auch hier an der Oberfläche ein infusorielles, sich beständig erneuerndes Häutchen, zugleich ging der Moschusgeruch in einen sehr unangenehmen, ekelhaften über. Ungefähr 10—12 Tage blieb die Reaction der Flüssigkeit schwach alkalisch und Essigsäure erzeugte darin keine Fällung, dann aber trat mit einem Male eine deutlich saure Reaction auf und mit dieser Fällung durch Essigsäure. Nachdem diese saure Reaction einige Tage lang gedauert hatte, ging sie wieder in eine alkalische über. Der Geruch, den ich mit nichts besser zu vergleichen wüßte, als mit der verdorbenen Milch, war nun sehr intensiv geworden und auch die Pilzbildung hatte sehr zugenommen.

Es wurde nun die mit Wasser verdünnte Lösung filtrirt und durch Essigsäure vollständig ausgefällt; der weiße, pflasterartige Niederschlag, der ebenfalls wieder in der Wärme weich und knetbar blieb, mit oft erneuertem Wasser, welches er milchig trübte, gut durchgeknetet und nachdem er starr und pulverig geworden war, auf einem Filter noch so lange mit Wasser ausgewaschen, als dieses mit Kali Ammoniak zu erkennen gab: dann wurde er getrocknet, nochmals in Alkohol gelöst, entfärbt wieder zur Trockne gebracht und zu Pulver zerrieben. Dieser Niederschlag besaß dieselben Eigenschaften, wie der frühere und erwies sich auch durch die Elementaranalyse als derselbe Körper, denn bei 120° C. getrocknet und mit chromsaurem Blei verbrannt, gaben :

0,293 Grm. Substanz 0,784 CO2 und 0,268 HO, also in 110 Theilen : [139]

Kohlenstoff

72,97

Wasserstoff

10,16

Sauerstoff

16,87

 

100,00

Die Substanz in verdünnter Kalilauge gelöst und mit Essigsäure wieder gefällt, behält ihre Zusammensetzung bei, denn :

0,294 Grm. Substanz gaben, bei 120° C. getrocknet und mit chromsauren Blei verbrannt :

0,780 CO2 und 0,268 HO, also in 100 Theilen :

Kohlenstoff

72,37

Wasserstoff

10,12

Sauerstoff

17,51

 

100,00

Die von dem durch Essigsäure fällbaren Körper befreite Flüssigkeit wurde zur Trockne eingedampft und mit starkem Alkohol ausgezogen; es blieb der größte Theil ungelöst als eine gelbliche Masse zurück, die schon dem freien Auge krystallinisch erschien. Mikroscopisch untersucht, bestand sie aus sehr schönen Taurinkrystallen. Diese Masse wurde nun in Wasser gelöst, die schaumige Lösung filtrirt, concentrirt und zum Krystallisiren hingestellt. Es schossen schöne, große, wasserklare Prismen von Taurin an, die durch nochmaliges Umkrystallisiren vollkommen rein erhalten wurden. Durch weiteres Concentriren der Mutterlauge konnten noch mehr Krystalle erhalten werden. In dem, was der Alkohol gelöst hatte, fand sich, nebst essigsaurem Natron, eine geringe Menge unzersetzter Galle und die in Alkohol löslichen Salztheile der Galle (Kochsalz). Unter dem Mikroscop konnten ferner darin nach dem Verdunsten zahlreiche Salmiakkrystalle wahrgenommen werden und von der Gegenwart des Ammoniaks konnte man sich außerdem noch durch seine Entwicklung auf Zusatz von Kali leicht überzeugen.

Die angegebene Methode zur Gewinnung des Taurins halte ich für die allereinfachste und bequemste unter den bis nun [140] bekannten. Durch Sieden der Galle mit Salzsäure bekömmt man immer neben dem Taurin Kochsalz ins Spiel, welches von Ersterem dann erst auf mechanische Weise getrennt werden muß. Ueberläßt man Galle, wie sie aus der Blase kömmt, der Gährung, so bleibt, wenn man die gefaulte und eingedampfte Galle mit Alkohol auszieht, das Taurin beim Schleim zurück, wird von diesem gleichsam eingehüllt und kann, da durch Wasser immer auch viel Farbstoff etc. gelöst wird, erst durch oftmaliges Umkrystallisiren rein erhalten werden : die Methode Gmelin's ist an und für sich schon viel umständlicher.

Will man daher schöne, große Taurinkrystalle in möglichst großer Menge und ohne Mühe erhalten, so genügt es, eine wässerige Lösung von gereinigter Galle, mit etwas Darmschleim oder dergleichen versetzt, so lange sich selbst zu überlassen, bis deutlich saure Reaction eingetreten ist, dann mit Essigsäure zu fällen, das nicht Gefällte zur Trockne zu bringen und den Rückstand mit Alkohol von 90° auszuziehen. Das zurückbleibende Taurin bedarf nur einmaligen oder höchstens zweimaligen Umkrystallisirens zu seiner Reindarstellung.

Viel langsamer treten die Gährungserscheinungen bei der reinen Gallenlösung ohne Schleimzusatz auf, waren im Uebrigen aber genau dieselben. Das infusorielle Häutchen bildete sich darin erst nach langem Stehen und auch die sauere Reaction erschien viel später. Auffallend beschleunigt wird die Zersetzung einer solchen Flüssigkeit durch Zusatz eines Theils des infusoriellen Gebildes einer andern schon in Gährung begriffenen Galle, welches sonach hier offenbar als Ferment wirkt. Dasselbe bewirkt eine kleine Menge von Gallenblasenschleim oder Darmschleim.

Ueberblicken wir nun die Erscheinungen der freiwilligen Zersetzung der Rindsgalle, die offenbar unter dem Einflusse des als Ferment  vorhandenen, sich zersetzenden Schleims vor sich geht, so begegnen wir drei Producten derselben :  1) einer [141] harzartigen, in Wasser unlöslichen, stickstofffreien Säure von gleichen Eigenschaften und gleicher Zusammensetzung mit Demarçy's Choloïdinsäure, die statt der früheren, der Gallensäure nämlich, mit Natron in Verbindung tritt und aus dieser durch eine stärkere Säure ausgeschieden werden kann; 2) einem neutralen stickstoffhaltigen, schwefelreichen, leicht krystallisirbaren Körper : dem Taurin und 3) Ammoniak.

Dieselben Producte waren es aber, die Demarçay bei längerer Behandlung der Galle mit Salzsäure fand, und dann auch Theyer und Schlosser, nach Einwirkung von Oxalsäure auf Galle begegneten. Daß es der von Demarçay Choleïnsäure, von Liebig Gallensäure und von Berzelius Bilin genannte Körper, jedenfalls der Hauptbestandtheil der Galle, sey, der sich in diese Stoffe zerlegt, ist schon von Demarçay dargethan worden, und wir stoßen somit hier auf eine Erscheinung, die weder für die Physiologie, noch für die Frage von der chemischen Constitution den Galle bedeutungslos erscheint, eine Erscheinung, die in der organischen Chemie keineswegs vereinzelt dasteht, sondern der Analogien genug findet.

So wie nämlich die Gallensäure durch ganz verschiedene Agentien, durch verdünnte Säuren und durch die Gallengährung, unter dem Einflusse des als Ferment wirkenden Gallenblasenschleims, in Choloïdinsäure, Taurin und Ammoniak zerfällt, so zersetzt sich der Harnstoff, ein anderer nicht minder wichtiger organischer Körper, durch Einwirkung starker Säuren sowohl, als auch durch die Gährung, mit Beihülfe des Blasenschleims in Kohlensäure und Ammoniak, und in ähnlicher Weise verwandelt sich das Stärkemehl in Dextrin und Stärkezucker, sowohl durch das Diaptas, als auch durch verdünnte Mineralsäuren.

Die gleiche Zersetzung der Galle durch die verschiedensten Agentien, ist ein Grund mehr für die Ansicht Jener, die die Constitution den Galle für eine, einfache, und die Gallensäure für einen einfachen, wohl charakterisirten Körper halten.

 [142] Das Hauptproduct der Gallengährung, in Bezug auf Menge, bildet immer die Choloïdinsäure. Bei einem quantitativen Versuche erhielt ich von 20 Grm. gallensauren Natrons auf diese Weise ungefähr 14 Grm. als Choloïdinsäure und 3 Grm. als Taurin wieder. Das Verhältniß der Menge des Taurins zu jener der Choloïdinsäure war sonach beiläufig wie 1 : 5.

Nachdem ich auf diese Weise wenigstens die erste Phase der freiwilligen Zersetzung der Ochsengalle für erledigt hielt, führte mich der Zufall auf eine Beobachtung, die in mehr wie einer Beziehung interessant und ganz geeignet ist, der Ansicht über die einfache Zusammensetzung sowohl, als über die einfache Zersetzung der Galle, eine neue Stütze zu verleihen.

Ich überließ nämlich zu Ende des vorigen Sommers den Inhalt von sieben bis acht Gallenblasen in einem Zuckerglase, unter Luftzutritt, sich selbst, lediglich in der Absicht, um nach mehreren Monaten nachzusehen, welche weitere Veränderungen sich eingestellt hätten, und um vielleicht auch nebenbei Taurin zu gewinnen. Da ich das verdunstende Wasser zu erneuern aus anzugebenden Gründen verhindert war, so wählte ich zum Aufbewahrungsort den Laboratoriumskeller, wo in diesen Monaten (September und October) die Temperatur wohl kaum über 10 bis 12° gestiegen seyn mochte. Bald darauf trat ich eine Reise an und bekam die Galle erst mit Anfang des Winters, also nach ungefähr drei Monaten, wieder zu Gesicht.

Die Flüssigkeit war nun ganz milchfarbig geworden, membranöse, gelbliche, infusorielle Gebilde bedeckten ihre Oberfläche, sowie die Wände des Gefäßes; sie verbreitete einen heftigen, ammoniakalischen Fäulnißgeruch, und ihre Reaction war deutlich, alkalisch. Als sie zur Trockne gebracht und mit starkem Alkohol ausgezogen wurde, blieb auch hier Taurin zurück; die alkoholische Lösung wurde nun ganz behandelt wie oben. Die erste neue Erscheinung war aber folgende: Der gesammelte Aether, mit dem die Galle längere Zeit geschüttelt wurde, setzte [143] nämlich Krystalle ab, die sich, so weit als es die Untersuchung einer so unbedeutenden Menge erlaubte, wie Cholsäure verhielten. In der wässerigen Gallenlösung brachte auch hier Essigsäure einen reichlichen Niederschlag hervor, der sich im Anfange als ein ölartiges Liquidum von gelbbrauner Farbe am Boden des Gefäßes sammelte, bald darauf aber auf dem warmen Ofen starr und pulverig wurde, in einen grobkörnigen Zustand überging und dann auch in kochendem Wasser nicht mehr schmolz. Dieser Niederschlag, wie oben behandelt, löste sich in kaltem Alkohol nur sehr schwer, und ich ließ ihn deßhalb mit Alkohol bei gelinder Wärme auf einem Ofen, um seine Lösung zu beschleunigen, stehen. Wie erstaunt war ich aber, als ich des andern Morgens Alles in eine krystallinische Masse verwandelt fand, an deren Oberfläche die nadelförmigen Krystalle seidenglänzend und buschelförmig beisammen standen. Die Masse wurde einigemale mit kleinen Mengen kalten Alkohols ausgewaschen, zwischen Fließpapier gepreßt, in erwärmtem Alkohol gelöst, filtrirt und umkrystallisirt; auf diese Weise wurde eine große Menge von tetraëderähnlich aussehenden, schönen Krystallen erhalten, die durch nochmaliges Umkrystallisiren vollkommen rein dargestellt wurden. Aus der Mutterlauge konnten bis nahe an den letzten Tropfen immer noch Krystalle erhalten werden.

Prof. von Kobell hatte die Gefälligkeit, die Krystalle, so weit es anging, krystallographisch zu bestimmen. Sie gehören zum quadratischen System. Es erscheint gewöhnlich eine Quadratpyramide mit den Flächen des diagonalen Prisma's, letztere sehr klein als Abstumpfung der Randecken. Die Winkel der Pyramide sind annähernd 117° (Scheitelkantenwinkel) und 95°30 (Randkantenwinkel).

Die Krystalle sind wasserklar, durchsichtig, werden aber an der Luft in Kurzem undurchsichtig; sie lassen sich leicht zu einem blendendweißen, stäubenden, elektrischen Pulver zerreiben, sie besitzen einen intensiv bittern, hinterher süßlichen [144] Geschmack, lösen sich fast gar nicht in Wasser, wenig in Aether, schwer in kaltem, aber leicht in warmem Alkohol, in Kali und Ammoniak lösen sie sich leicht und vollständig. Sie reagiren in der alkoholischen Lösung deutlich sauer und treiben in der Kälte schon Kohlensäure aus kohlensauren Alkalien. Sie schmelzen weit über 100° und verlieren bei 115 – 120° C. noch Wasser. Mit Natronkalk geglüht, geben sie kein Ammoniak und sind schwefelfrei; auf dem Platinblech erhitzt, bräunen sie sich, schmelzen unter Ausstoßung von angenehm, weihrauchähnlich riechenden Dämpfen und hinterlassen eine leicht vollständig verbrennliche Kohle.

Mit Zucker und Schwefelsäure geben sie dieselbe prächtige violettrothe Färbung, wie die Galle selbst; dasselbe gilt aber auch von rein dargestellter Choloïdinsäure; für Taurin wird, auf diese Weise behandelt, intensiv gelb, dann braunroth.

Bei 120° C. getrocknet und der Elementaranalyse unterworfen, gaben

I.         0,433 Grm. Substanz, mit chromsaurem Blei verbrannt, 1,101 CO2 und 0,389 HO.

II.        0,261 Grm. Substanz mit Kupferoxyd und chlorsaurem Kali verbrannt, 0,666 CO2 und 0.237 HO.

Hieraus berechnet sich (C = 75) folgende procentische Zusammensetzung :

 

I.

II.

Kohlenstoff

69,34

69,59

Wasserstoff

9,98

10,08

Sauerstoff

20,68

20,33

 

100,00

100,00

Es ist dieß sonach jene Cholsäure, die sich bei den Versuchen von Theyer und Schlosser aus der Galle nach Behandlung derselben mit Kali bildet; daß es aber auch dieselbe Säure ist, die Demarçay fand und Dumas analysierte, läßt sich auf einfache Weise zeigen; ich habe bereits erwähnt, [145] daß ich beobachtete, daß die Cholsäure bei 100° C. nicht alles Wasser verliert, sondern zwischen 115-120° C. noch welches weggeht. Die zur Analyse I. dienende Substanz wurde daher von mir zuerst bei 100° C. so lange getrocknet, bis sie bei dieser Temperatur kein Wasser mehr verlor, ihr Gewicht notirt und dann erst bei 120° C. getrocknet. Bei 100° C. getrocknet wog die Substanz 0,439; berechnet man die procentische Zusammensetzung nach dieser Menge Substanz und zwar nach dem Atomgewicht des Kohlenstoffs, wie es zu Dumas's Analyse Anwendung fand (76,437), so erhält man ähnliche Zahlen, wie Dumas und Demarçay.

Höchst wahrscheinlich ist das über 100° C. weggehende Wasser Constitutionswasser, wie viel an Atomen es aber entspricht, muß bis zu einer definitiven Feststellung der wichtigen Formel der Cholsäure durch ein genaues Studium der cholsauren Salze dahingestellt bleiben.

Taurin, Cholsäure und Ammoniak waren in diesem Falle die Hauptproducte der Zersetzung, die ein neuer Beweis ist für die Richtigkeit des Satzes, daß Mischungsveränderungen organischer Stoffe durch chemisch sehr verschiedene Agentien verursacht werden können. Cholsäure und Ammoniak erhielten Demarçay, Theyer und Schlosser bei der Zerlegung der Galle durch Aetzkali und dieselben Producte mit Taurin entstanden durch die Fäulniß der Galle. Daß das Auftreten der Cholsäure eine fortgeschrittene Periode der Gallengährung bezeichnet, kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen und Alles deutet sogar darauf bin, daß dieser Vorgang ein sehr einfacher sey und die Cholsäure durch eine weitere Metamorphose zunächst aus der Choloïdinsäure entstehe. In der That, entwickeln wir aus den Analysen der Choloïdinsäure und Cholsäure die relative Atomanzahl der darin enthaltenen Elemente, empirische Formeln, so erhalten wir auf eine gleiche Atomanzahl des Kohlenstoffs in beiden Säuren, für die Cholsäure ein Mehr von Wasserstoff und [146] Sauerstoff fast in dem zur Wasserbildung geeigneten Verhältnisse, ob nun aber eine Verwandlung der Choloïdinsäure in Cholsäure durch bloße Wasseraufnahme stattfindet, muß vor der Hand noch dahingestellt bleiben, gewiß aber ist es, daß durch die Vergleichung der relativen Atomzahlen eine Metamorphose durch bloße Wasseraufnahme nicht unmöglich, ja sogar wahrscheinlich erscheint. Von der von mir dargestellten Choloïdinsäure und Cholsäure wurden die Silbersalze nach den von Theyer und Schlosser bei der Darstellung des choloïdinsauren Silberoxyds befolgten Methode dargestellt.

Das choloïdinsaure Silberoxyd, ein röthliches Pulver, verhielt sich so, wie es Theyer und Schlosser angeben, in Bezug auf Löslichkeitsverhältnisse; 0,429 Grm. Substanz aber gaben 0,065 Silber = 16,49 pC. Silberoxyd, wonach sich das Atomgewicht der Säure zu 7468 ... berechnet. Vom cholsauren Silberoxyd gaben 0,372 Grm. Substanz 0,071 Silber = 20,49 Silberoxyd, wonach das Atomgewicht der Säure 5630 wäre. Diese Zahlen stimmen jedoch nicht mit den von Theyer und Schlosser erhaltenen und es scheint hier das stattzufinden, was Redtenbacher bei der Untersuchung der choloïdansauren Salze beobachtete, eine Zerlegung nämlich beim Auswaschen mit Wasser, so daß ein länger ausgewaschenes Salz ein kleineres Atomgewicht giebt, als ein kürzere Zeit gewaschenes und umgekehrt.

Schließlich erwähne ich die ebenfalls mit Redtenbacher's Beobachtungen im Zusammenhang stehende Thatsache, daß ich eine Probe einer reinen Gallenlösung, die nahe an dreiviertel Jahre in einem bei mäßiger Temperatur erhaltenen Locale, unter zeitweiser Erneuerung des verdunstenden Wassers stehen geblieben war, nach Verlauf dieses Zeitraumes stark sauer reagirend und etwas säuerlich riechend fand. Ich destillirte, sättigte das saure Destillat mit kohlensauren Natron und verdampfte; der [147] Rückstand mit Schwefelsäure übergossen, entwickelte deutlich den Geruch nach Essigsäure, durch Destillation des Rückstandes mit Schwefelsäure erhielt ich in der Vorlage Essigsäure.

 

II. Untersuchungen über die chemische Constitution der Menschengalle.

So zahlreiche und gründliche Arbeiten wir über die Rindsgalle besitzen, so wenig ist bisher noch für das Studium der Menschengalle im Allgemeinen gethan worden. Der Grund hiervon liegt zunächst in den vielen, solchen Untersuchungen sich entgegenstellenden Schwierigkeiten, die theils in der geringen Menge dieses Secrets, theils in der Schwierigkeit begründet sind, dasselbe ganz frisch unmittelbar nach dem Tode zu erhalten. Dieselben Hindernisse, wozu sich noch locale gesellten, tragen auch die Schuld, wenn meine Untersuchungen zu minder vollständigen Resultaten führten, als ich es wohl gewünscht hätte.

Die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, war eine definitive Erledigung der Frage über die Zusammensetzung der Menschengalle und namentlich wollte ich ermitteln, ob die Constitution der Menschengalle dieselbe sey, wie jene der Rindsgalle.

Wenn wir die Analyse der Menschengalle von Thénard, Gmelin, Fromherz und Guggert durchgehen, so finden wir, daß diese Chemiker bei ihren Untersuchungen im Wesentlichen dieselben Stoffe in der Menschengalle fanden, wie in der Rindsgalle, nur fand Thénard in der Menschengalle kein Picromel, sondern nur Gallenharz und Gmelin, wie auch Fromherz und Guggert, konnten darin kein Taurin entdecken. Seither glaubte man sich zur Annahme die Menschengalle sey ähnlich zusammengesetzt wie die Rindsgalle, um so mehr berechtigt, als vielfältige Analysen wo nicht Gleichheit, doch große Aehnlichkeit der Zusammensetzung aller hauptsächlichsten thierischen Flüssigkeiten und namentlich des Blutes bei den höheren Wirbelthieren dargethan hatten. Wenn man dagegen die Constitution [148] des Harns der Pflanzenfresser einwendet, so ist darauf zu erwiedern, daß, wenn man den Harnstoff als den wesentlichen Bestandtheil des Harns ansieht, dieser auch im Harn der kräuterfressenden Thiere und zwar in überwiegender Menge zugegen ist und seit Liebig im normalen menschlichen Harn ebenfalls die Hippursäure nachgewiesen hat, hat selbe aufgehört, dem Harn der Herbivoren eigenthümlich zu erscheinen und es bleibt sonach als Charakteristicum für den Harn der erwähnten Thiere nur die Abwesenheit der Harnsäure und die Gegenwart der durch ihre Nahrung bedingten kohlensauren Alkalien.

Vor Kurzem aber trat Kemp gegen die allgemeine Ansicht auf, und suchte auf elementar-analytischem Wege darzuthun, daß die Menschengalle eine andere Zusammensetzung habe, wie die Rindsgalle. Die zu seiner Untersuchung dienende Menschengalle wurde unmittelbar aus der Gallenblase in Alkohol fließen gelassen und dadurch der Schleim gefällt; von diesem abfiltrirt, wurde die alkoholische Gallenlösung im Wasserbade zur Trockne abgeraucht, zu Pulver gerieben und um die Fette zu entfernen, mit Aether behandelt, dann wieder getrocknet, gepulvert und der Elementaranalyse unterworfen. Er erhielt nach Abzug des anorganischen Theils, also für den electronegativen Körper in der Galle, 68,4 und 68,3 C, 10,13 und 10,00 H, 3,44 und 3,50 N, während nach seiner Analyse die Gallensäure aus der Rindsgalle 64,60 C und 9,62 H enthielt, woraus sich ein + von 4 pC. C und nahe ½ pC. H für die Menschengalle ergäbe.

Es liegt aber am Tage, daß diese Analysen die Frage nicht entscheiden können, denn einmal hatte Kemp die Galle nicht entfärbt und bei dem großen Reichthum der Menschengalle an Farbstoffen mußte das Resultat seiner Analysen durch diesen Umstand nothwendigerweise bedeutend modificirt werden und anderseits war es sehr möglich, daß die Galle, welche er analysirte, bereits zersetzt und ein Gemenge von gallensaurem und choloïdinsaurem Natron war. Bei der großen Zersetzbar-[149]-keit der Galle und bei dem Umstande, daß man die Menschengalle immer erst einige Zeit nach dem Tode zur Untersuchung bekommt, erschien es von vornherein schon schwer, die Frage auf diese Weise zur entscheidenden Erledigung zu bringen und auch ich sollte dieß fühlen.

Um zu ermitteln, ob die Resultate, welche Kemp erhielt, richtige und constante seyen, versuchte ich vor Allem, die Galle nach der von Theyer und Schlosser bei der Rindsgalle befolgten Methode rein darzustellen. Die Gallenblase eines an Apoplexie Verstorbenen wurde zu diesem Ende an ihrem Grunde geöffnet, die Galle in ein Cylinderglas fließen gelassen und sogleich mit Alkohol von 90° gut umgeschüttelt; es wurde so lange Alkohol zugesetzt, als das Filtrat durch Alkohol noch getrübt wurde. Der mit Farbstoff gefällte Schleim wurde auf einem Filter gesammelt, gut mit Alkohol ausgewaschen und das Filtrat mit gut ausgewaschener, frisch geglühter Thierkohle vollständig entfärbt. Der Alkohol wurde abdestillirt und die entfärbte Galle nun zur Entfernung der Fette so lange mit kleinen Portionen Aether geschüttelt, als letzterer noch etwas aufnahm; die so gereinigte Galle stellte eine schwach gelblich gefärbte, in Wasser und Alkohol lösliche, in der wässerigen Lösung schäumende, in der Wärme und schon bei gewöhnlicher Temperatur sich erweichende, äußerst hygroscopische Masse von wachsartiger Consistenz und intensiv bitterem, hinterher süßlichem Geschmacke dar. Ungeachtet aber die Menge der zur Darstellung verwendeten Galle 90 Grm. betragen hatte, war die Ausbeute an reiner Galle so gering, daß nicht im Entferntesten an eine Elementaranalyse gedacht werden konnte.

Die wässerige Lösung reagirte vollkommen neutral, wie ich denn überhaupt diese Gelegenheit ergreife, um zu bemerken, daß ich bei meinen sehr zahlreichen Untersuchungen (nahe an 150) die Menschengalle gewöhnlich vollkommen neutral gefunden habe, mich übrigens auch von der alkalischen Reaction [150] der Ochsengalle nicht überzeugen konnte, — und verhielt sich gegen Reagentien ganz so, wie das von Theyer und Schlosser dargestellte gallensaure Natron. Durch Essig- und Oxalsäure wurde sie nicht gefällt, wohl aber nach einiger Zeit durch Salzsäure und gleich durch Bleizucker, Bleiessig, salpetersaures Silber etc.

Nachdem ich mich sonach überzeugt hatte, daß sich auf diesen Wege nichts Entscheidendes erwarten lasse, entschloß ich mich, die Galle von mehreren Individuen zu sammeln und daraus das gallensaure Natron rein darzustellen. Jede Galle wurde sogleich, wie ich sie erhielt, mit Alkohol behandelt, dadurch den Schleim entfernt und die alkoholischen Lösungen gesammelt. Nachdem in dieser Weise ungefähr 20 Gallen, worunter nur solche, die noch keine Spur von Zersetzung gezeigt hatten, vereinigt worden waren, wurde in gleicher Art wie oben zu Werke gegangen. Ich erhielt eine nicht unbedeutende Menge, ungefähr 2—3 Grm., eines nur schwach gelblichen, bitterschmeckenden, in Wasser und Alkohol leicht löslichen, in der wässerigen Lösung durch Essig- und Oxalsäure nicht fällbaren, vollständig neutral reagirenden Rückstandes. In starkem Alkohol gelöst, ließ er nach kurzer Zeit ein reichliches Sediment fallen, welches sich durch die mikroscopische Untersuchung sowohl, als auch durch die chemische als Kochsalz auswies. Bald überzeugte ich mich, daß das Trocknen dieser Substanz im Luftstrom eine Unmöglichkeit sey und sie wurde deshalb unter die Luftpumpe über Schwefelsäure gebracht; hier blähte sie sich, nachdem die Luft ausgepumpt worden war, auf, ließ viel Wasser fahren und nachdem dieß einige Male wiederholt worden war, konnte die Substanz allerdings gepulvert werden, erwies sich aber im höchsten Grade hygroscopisch, denn auch nach vierzehn Tagen und drei Wochen zog sie während des immer äußerst rasch ausgeführten Pulvers so schnell neue Feuchtigkeit an, daß einzelne Theilchen immer wieder zerflossen und auch das am Pistill [151] haften gebliebene in wenig Secunden flüssig geworden war. Es war vorauszusehen, daß, wenn auch das Anziehen von Feuchtigkeit während des Wägens durch Vornahme desselben in einem gut verschlossenen Gefäße verhindert werden konnte, ein Anziehen von Feuchtigkeit während des Ausschüttens der Substanz und der Mischung unabwendbar war. Sonach erschien der Versuch einer Verbrennung mehr als gewagt. Nach reiflicher Erwägung änderte ich daher abermals meinen Plan und entschloß mich, den electronegativen Körper in der Galle zu isoliren, namentlich, weil ich dadurch die den hygroscopischen Zustand gewiß sehr begünstigenden Salze außer das Spiel bekam.

Die Substanz wurde wieder in Wasser gelöst, wobei es sich zeigte, daß sie noch neutral reagirte und durch organische Säuren nicht gefällt wurde. Die wässerige Lösung wurde nun durch Bleiessig ausgefällt, der teigartige, knetbare, pflasterartige Niederschlag gut ausgewaschen, in erwärmtem Alkohol gelöst, filtrirt und durch des Filtrat so lange Schwefelwasserstoff geleitet, bis alles Blei gefällt war. Die Lösung von Schwefelblei abfiltrirt und ruhig hingestellt, schied noch Schwefel ab, wurde davon getrennt und genau nach Theyer und Schlosser's Angabe im Wasserbade, wo die Temperatur 60° keinesfalls überstieg, abgedampft. Trotz dieser Vorsichtsmaßregeln aber löste sich der Rückstand nicht mehr klar in Wasser, sondern milchig, und es hatte während der Operation die Galle, die sich im Uebrigen vollkommen gleich der Rindsgalle verhielt, eine Zersetzung eingegangen. Das milchig trübe Wasser gekocht, schied am Grunde des Gefäßes harzartige Tröpfchen ab und wurde dann klar. Von ersterem abgegossen und abgedampft, hinterließ es einen sehr unbedeutenden Rückstand, der sich im Allgemeinen wie Gallensäure verhielt. Das in Wasser unlösliche aber wurde mit Alkohol von 90° behandelt; es löste sich der größte Theil, nur ein körniges Pulver blieb zurück, welches, unter dem Mikroscop betrachtet, aus sehr kleinen, krystallinisch aussehenden [152] Körnchen, die aber keineswegs die Nadelform des Taurins besaßen, bestand. In Wasser waren sie löslich, zu einer näheren Untersuchung aber war ihre Menge zu gering. Der in Alkohol lösliche Theil aber, bei Weitem der Beträchtlichste, verhielt sich vollkommen wie Choloïdinsäure, er wurde in Alkohol gelöst, filtrirt, nochmals mit Thierkohle entfärbt, zur Trockne gebracht, was, da die Substanz nicht sehr hygroscopisch erschien, mit keinen Schwierigkeiten verbunden war, gepulvert und der Elementaranalyse unterworfen.

Bei 120° C. getrocknet, gaben :

0,191 Grm. Substanz, mit chromsaurem Bleioxyd verbrannt, 0,507 COund 0,175 HO.

Hieraus berechnet sich (C = 75) folgende procentische Zusammensetzung

Kohlenstoff

72,39

Wasserstoff

10,15

Sauerstoff

17,46

 

100,00

Es war sonach unzweifelhaft Choloïdinsäure und derselbe Körper, der bei der Zersetzung der Rindsgalle eine so große Rolle spielt. Denselben Körper erhält man aber auch, wenn man Menschengalle mit Salzsäure längere Zeit im Sieden erhält. Die Erscheinungen sind hierbei genau dieselben, wie sie Demarçay bei gleicher Behandlung der Rindsgalle beobachtete; wenn aber alle Choloïdinsäure abgeschieden ist, so erhält man, wenn die überstehende Flüssigkeit concentrirt worden ist, eine reichliche Krystallisation von Kochsalz und die Mutterlauge mit Alkohol übergossen, scheidet ein körniges Pulver ab, welches unter dem Mikroscope gerade so aussieht und sich gerade so verhält, wie das obenerwähnte, bei der versuchten Darstellung der Gallensäure beobachtete. Einigemale bei meinen zahlreichen Versuchen mit Menschengalle, fand ich die Galle sauer reagirend; [153] wurde solche Galle durch Alkohol von Schleim befreit und das alkoholische Filtrat zur Trockne gebracht, wieder in Wasser gelöst und Essigsäure zugesetzt, so entstand ein pflasterartiger Niederschlag von Choloïdinsäure. Im Rückstande des durch Essigsäure ausgefällten Theils der Gallenlösung entdeckte ich, nach Behandlung desselben mit Alkohol, einigemale schöne prismatische Krystalle, sich wie Taurin verhaltend, immer aber Ammoniak.

Aus den mitgetheilten Beobachtungen ergiebt sich unzweifelhaft, daß die Zersetzung der Menschengalle eine ähnliche ist, wie jene der Rindsgalle, und daß dabei als Hauptproduct derselbe Körper auftrete. Allerdings gebe ich zu, daß das Ergebniß der mikroscopischen Untersuchung allein nicht hinreicht, auf unzweifelhafte, jeden Einwand unmöglich machende Weise die Gegenwart des Taurins, und somit eine vollkommen gleiche Zersetzung der Galle darzuthun; allein bei der Gegenwart von zwei Factoren, der Choloïdinsäure und des Ammoniaks, dürfte es wohl erlaubt seyn, den dritten zu erschließen, wenn dieser Schluß namentlich auch noch durch die mikroscopische Untersuchung, wie es hier der Fall ist, eine weitere Unterstützung erhält, und ich halte sonach eine, wo nicht gleiche, doch sehr ähnliche Zusammensetzung der Menschen- und Rindsgalle für mehr als wahrscheinlich, und bin der festen Ueberzeugung, daß Kemp's Resultate ihren Grund darin finden, daß er einerseits die Galle nicht entfärbte und andererseits Galle analysirte, die ein Gemenge von choleïnsaurem und choloïdinsaurem Natron war.

 

Ueber die Zusammensetzung des Gallenblasenschleims.

Der Gallenblasenschleim ist es, welcher sowohl der Rindsgalle, als auch der Menschengalle die zähe, fadenziehende Beschaffenheit verleiht, und aus dem der zuletzt aus der Gallenblase fließende dickliche Theil größtentheils besteht. Dieser Schleim zeigt ganz dasselbe Verhalten wie gewöhnlicher Schleim, [154] und zeichnet sich nur dadurch aus, daß er unter dem Mikroscop keine Schleimkörperchen zeigt, eine Eigenschaft, die er übrigens mit dem normalen Harnblasenschleim theilt. Durch verdünnte Säuren, sowie durch Alkohol, wird er gefällt. Im Wasser quillt der gefällte auf und löst sich darin zum Theil wieder. Dieser Schleim wird von der, eigenthümliche anatomische Verhältnisse zeigenden Schleimhaut der Gallenblase abgesondert. Blondlot (154) suchte zwar zu zeigen, daß die Galle eine wesentlich schleimige Flüssigkeit und die die Gallenblase nach innen auskleidende Membran durch ihren anatomischen Bau zur Schleimsecretion nicht geschickt sey; durch eine gleich mitzutheilende Beobachtung aber wird Blondlot's an und für sich schon nicht sehr haltbare Ansicht schlagend widerlegt. Kemp analysirte den Schleim aus der Rindsgalle, befolgte aber dabei ein Verfahren, welches richtige Resultate kaum erwarten ließ. Er entwickelte aus seinen Analysen eine Formel, wonach dieser Schleim Pr + 3 At äq. wäre. Diese Formel entspricht der von ihm selbst gefundenen procentischen Zusammensetzung keineswegs.

Der Zufall gab mir Gelegenheil, menschlichen Gallenblasenschleim in größtmöglichster Reinheit, d. h. frei von allen Farbstoffen, zu erhalten, denn eine jedenfalls unbedeutende Beimengung von Epithelien war auch hier nicht zu verhindern.

Im August 1844 erhielt ich die Gallenblase von einem an Apoplexie plötzlich verstorbenen, ungefähr 60jährigen Weibe, 36 Stunden nach erfolgtem Tode zugesendet. Das Individuum war in das allgemeine Krankenhaus zu München mit allen Erscheinungen von Apoplexia cerebri sterbend überbracht worden. Bei der Section ergaben sich apoplektische Heerde im Gehirn, und eine icterische Färbung nicht nur der allgemeinen Decke, sondern der organischen Gewebe überhaupt. Von anamnetischen Momenten [155] konnte man durch Anghörige nur ermitteln, daß die Person sich früher immer ziemlich wohl befunden habe und dem Genusse geistiger Getränke, insbesondere des Branntweins, ergeben gewesen sey.

Die Gallenblasenhäute waren sehr verdickt und im Blasenhalse fühlte man einen harten, rundlichen Körper, der sich bei Eröffnung der Blase als ein taubeneigroßer, ovaler, an beiden Polen grünlicher, in der Mitte gelber Gallenstein von warzigdrusiger Oberfläche auswies. Dieser Stein war so fest in den Blasenhals eingezwängt, daß dadurch der Ductus cysticus vollkommen verschlossen und der Durchgang von Galle geradezu unmöglich erschien. In der Gallenblase selbst fanden sich ungefähr 5 Grm. einer dickflüssigen, weißgelblichen Masse, die mit Nasenschleim die größte Aehnlichkeit besaß, nur mit großer Mühe, ihrer Zähigkeit wegen, aus der Blase entfernt werden konnte und sich überhaupt ganz wie Schleim verhielt. Sie wurde zur Trockne gebracht und stellte dann eine spröde, leicht zu pulvernde Masse dar, die in Wasser und Alkohol fast ganz unlöslich war. Mit Alkohol und Aether zu wiederholten Malen ausgekocht, gab sie an diese beiden Lösungsmittel nur ganz unbedeutende Spuren von Fetten ab, erwies sich aber frei von aller Gallenbeimischung. Das so dargestellte, schön weiße Pulver, wurde bei 120° getrocknet und der Elementaranalyse unterworfen.

0,255 Grm. Substanz gaben 0,009 Grm. Asche = 3,53 pC. (größtentheils kohlensaurer Kalk).

0,228 Grm. Substanz (nach Abzug der Asche) gaben, mit chromsaurem Bleioxyd verbrannt, 0,432 CO2 und 0,145 HO.

0,260 Grm. Substanz (nach Abzug der Asche) gaben 0,545 Grm. Platinsalmiak.

Hieraus berechnet sich (C = 75) folgende procentische Zusammensetzung : [156]

Kohlenstoff

51,68

Wasserstoff

7,06

Stickstoff

13,22

Sauerstoff

28,04

 

100,00

Berechnen wir den Kohlenstoff nach Atomgewicht 75,854, so erhalten wir Kohlenstoff 52,10, was mit der von Kemp gefundenen Zahl stimmt. Bis auf ein unbedeutendes Plus von Stickstoff, das jedenfalls der Beimengung von Epithelien zuzuschreiben, ist dieß aber auch die Zusammensetzung, die Scheerer für reinen flüssigen Schleimstoff gefunden hat (156)

 

III. Beobachtungen über Schweinsgalle.

Schon Thénard war es bekannt, daß die Schweinsgalle durch Säuren, selbst durch Essig, schnell und gänzlich zersetzt werde; er fand darin weder Picromel, noch sogenannte gelbe Substanz, noch Eiweißstoff, sondern nur eine sehr große Menge Harz, Natron und einige Salze. Bei von mir angestellten Versuchen über Auflösungskräfte der Galle, machte auch ich die Bemerkung, daß Schweinsgalle, nach Entfernung des Schleims, durch Essigsäure gefällt werde, und ich nahm mir damals um so mehr vor, bei nächster Gelegenheit ganz frische Schweinsgalle in dieser Beziehung näher zu untersuchen, als ich fand, daß sich die Schweinsgalle im Uebrigen der Menschen- und Ochsengalle ziemlich gleich verhielt. Inzwischen theilte mir auch Dr. Pettenkofer mit, daß er Fällung der ganz frischen Schweinsgalle durch organische Säuren beobachtet habe, und ich ging sonach ungesäumt an eine Untersuchung.

Ich verschaffte mir ganz frische, beinahe noch warme Schweinsgalle und ließ dieselbe (Inhalt von 4 — 5 Gallenblasen) [157] in ein Cylinderglas fließen. Sie war ziemlich dünnflüssig, hellbraun, und erst gegen das Ende von größeren Antheilen beigemengten Schleims fadenziehend. Ihre Reaction war vollkommen neutral, der Geschmack bitter, ohne den aromatischen Nachgeschmack der Ochsengalle und ihre Menge bei allen Exemplaren ziemlich annähernd dieselbe; sie mochte ungefähr 30 — 40 Grm. betragen. Durch Zusatz von Alkohol wurde der Schleim mit hellgelber Farbe gefällt, gerade so wie bei Menschengalle. Die vom Schleim befreite Galle wurde durch Behandlung mit Thierkohle und Aether von Farbstoffen und Fetten befreit und die so gereinigte wässerige Lösung gegen Reagentien geprüft.

Essigsäure und Oxalsäure erzeugten darin augenblicklich einen starken pflasterartigen, weißen, harzigen Niederschlag; gegen die übrigen Reagentien verhielt sich die Lösung wie Menschen- oder Ochsengalle. Sie wurde nun mit Essigsäure ausgefällt und der Niederschlag auf passende Weise gereinigt. Er verhielt sich in der That vollkommen wen Choloïdinsäure und stellte ein weißes, in Wasser und Aether beinahe unlösliches, in Alkohol lösliches Pulver dar, welches bei 120° C. getrocknet und der Elementaranalyse unterworfen wurde.

0,297 Grm. Substanz gaben, mit chromsaurem Blei verbrannt, 0,788 CO2 und 0,260 HO.

Hieraus berechnet sich folgende Zusammensetzung :

Kohlenstoff

72,36

Wasserstoff

9,72

Sauerstoff

11,92

 

100,00

Ich war nun begierig zu erfahren, ob auch Taurin aufzufinden sey; allein der durch Essigsäure ausgefällte Theil zur Trockne gebracht und mit starkem Alkohol behandelt, löste sich in diesem bis auf geringe Menge von essigsaurem Natron voll-[158]-ständig; es war also kein Taurin vorhanden. Mit Zucker und Schwefelsäure geprüft, gab die alkoholische Lösung die der Galle eigenthümliche Färbung. Die alkoholische Lösung zur Trockne gebracht und in Wasser aufgenommen, schmeckte intensiv bitter und besaß alle Eigenschaften unveränderter Galle.

Wird die Choloïdinsäure aus der Schweinsgalle über 120° C., oder besser über 140° C. erhitzt, so schmilzt sie immer noch nicht, scheint aber in einem dem Dyslysin ähnlichen Körper verwandelt zu werden, denn auf diese Weise behandelt, gaben :

0,229 Grm. Substanz, mit chromsaurem Blei verbrannt, 0,653 CO2 und 0,214 HO.

Also in 100 Theilen :

Kohlenstoff

77,77

Wasserstoff

10,38

Sauerstoff

11,85

 

100,00

Das Verhältniß der Kohlenstoffatome zu den Wasserstoffatomen ist 5 : 8, demnach dasselbe wie bei einigen Kohlenwasserstoffen.

Es fragt sich nun, wird in der Schweinsgalle das Taurin später, wird es gar nicht gebildet, oder wird es als das löslichste Product der Gallenzersetzung resorbirt und dem Organismus vielleicht auf diesem Wege ein Theil des Schwefels der umgesetzten Gebilde wieder zugeführt? Diese Fragen erscheinen mir für ein weiteres Studium der Schweinsgalle anregend genug.

Liebig's Theorie von der Fettbildung im Thierkörper und von der Rolle der Galle bei derselben gewinnt täglich neue Anhaltspunkte. Zu solchen gehört, daß die Hauptproducte der freiwilligen Zersetzung der Galle: Choloïdinsäure und Cholsäure, einzelne Glieder einer Kette von Stoffen zu seyn scheinen, [159] die den Uebergang in Fette vermittelt. Choloïdinsäure löst sich nicht in Wasser, wohl aber in Alkohol, und das Verhältniß ihrer Kohlenstoffatome zu den Wasserstoffatomen bringt sie den Fetten schon sehr nahe; Cholsäure löst sich in Alkohol und Aether, und das Verhältniß des Kohlenstoffs zum Wasserstoff ist in ihr beinahe dasselbe wie bei den Fetten; es entstehen sonach bei der Zersetzung der Galle Stoffe, die sowohl bezüglich ihrer Löslichkeit, als auch bezüglich des Verhältnisses, in dem Kohlenstoff und Wasserstoff zu einander stehen, sich mehr und mehr den Fetten nähern, und noch wesentlicher für diese Theorie ist die Entdeckung Redtenbacher's, daß aus der Choloïdinsäure durch Oxydation dieselben fetten Säuren gebildet werden, die die Butter liefert, womit auch meine Beobachtung einer ungleich größeren Menge durch Aether ausziehbarer und sich wie Fettsäuren verhaltender Stoffe, bei gefaulter Galle, im Einklang steht. Bemerkenswerth bleibt es ferner, daß der Gallenfarbstoff, oder vielmehr eine Modification desselben, das Biliverdin, mit einem Stoffe übereinkömmt, dem Chlorophyll, durch dessen successive Umwandlung die Bildung von Wachs veranlaßt werden kann, und daß meinen Beobachtungen zu Folge dieser grünfärbende Stoff gerade am häufigsten in der Galle von Kindern angetroffen wird, bei denen die Fettbildung bekanntlich eine vorwiegende ist; bemerkenswerth bleibt es endlich, daß bei den Schweinen, Thieren, die als eigentliche Fettfabriken angesehen werden können, Choloïdinsäure schon in frischer Galle vorhanden ist.

 


(133) Nach dem mir erst kürzlich zugekommenen Februarheft dieser Annalen stimmt jedoch 25,46 mit den von Redtenbacher nach einer ähnlichen Methode erhaltenen Zahlen.
(154) Traité analytique de la digestion. Paris 1843.
(156) Diese Annal. Bd. LVII S. 196.